„Nokia soll Wachstum und Wohlstand bringen“

Wenn man in den letzten Tagen die Medien zu der Ankündigung Nokias, sich aus Bochum zurückzuziehen, gelesen hat, konnte man den Eindruck gewinnen, dass sie mehr ablenken als erhellen.

Die meisten öffentlichen Stellungnahmen schwanken zwischen demonstrativer Hilflosigkeit („Jetzt müssen die aber die Subvention zurückzahlen“) und menschelndem Opportunismus („Ich gebe mein Handy zurück“). Wer meine drei vorangegangenen Beiträge deshalb einer gewissen Ironie geschuldet sieht, mag damit durchaus recht haben. Ist doch Ironie manchmal auch eine notwendige Gedanken-Müllabfuhr.


Wieder einmal zieht sich ein Konzern aus seiner Rolle als Steuerzahler und Arbeitgeber zurück. Die Reaktionen und Antworten darauf folgen einem seit Jahren eingeübten Ritual. Ungeachtet dessen wandert eine Hochtechnologiebranche nach der anderen aus Deutschland ab - und mit ihr die Arbeitsplätze. Jedes Mal begleitet von der medienwirksamen Empörung der Politiker und der Hilflosigkeit der Arbeitnehmer.

Wenn Politiker und Arbeitnehmer den Konzern nicht zum Umlenken bewegen können, hat dann heute vielleicht der Konsument den entscheidenden Hebel in der Hand? Soll er seine Macht ausspielen und den Konzern da treffen, wo es wehtut, in der Börse?
Dagegen spricht, dass ein zu oft praktizierter Boykott-Aktionismus sich irgendwann selbst ad absurdum führt. Auch wird wahrscheinlich ein „Kauft nicht Nokia“ schon wegen des Kurzzeitgedächtnisses der Konsumenten nicht lange durchgehalten werden. Die viel wichtigere Frage in diesem Zusammenhang scheint mir aber: warum sollen gerade die Beschäftigten für ihr Management büssen, wenn der Umsatzeinbruch, der durch die gut gemeinte Aktion ausgelöst wird, einen Arbeitsplatzverlust nach sich zieht?

Auf das jetzt wieder zu hörende Erstaunen aus der Politik, wieso es mit Subventionen überraschender Weise nicht gelingt, einen global agierenden Konzern zur Immobilität zu bewegen, möchte ich jetzt nicht weiter eingehen, dies wurde an anderer Stelle bereits kompetenter abgewatscht. Die als Alternative vorgebrachten Vorschläge, derartige Mittel stattdessen besser an den deutschen Mittelstand zu vergeben, klingen zwar sympathisch, werden aber dem Kernproblem nicht gerecht. Fragwürdig ist meiner Meinung nach die gesamte Subventionitis, auch an den Mittelstand, auch die im Ressort des Handyverweigerers Seehofer…

Wären eigentlich die Vertragsverletzungen, die man Nokia jetzt im Zusammenhang mit den Subventionen vorwirft, auch untersucht worden, wenn der Konzern seinen Betrieb nicht ins Ausland verlagern würde? Und – wenn er die Subventionen nicht erhalten hätte, wäre der Ortswechsel dann o.k.? Soll einer Firma das überhaupt erlaubt sein, eine Verlagerung ins Ausland? Oder in ein anderes deutsches Bundesland? Oder in eine andere Stadt? Es ist klar, auf dieser Ebene geht die Diskussion an dem wahren Problem vorbei. Oder will jetzt ernsthaft jemand die Niederlassungsfreiheit in Frage stellen? Wollen wir tatsächlich zurück zu einem Wirtschaftsystem, dass dies verbietet? Ich glaube nicht, dass das eine ernstzunehmende Lösung sein kann. Was soll dann eine Diskussion darüber?

Womit wir beim Thema Globalisierung angelangt wären. Aber - ist das Problem wirklich die Globalisierung als solche, oder eher die Unfähigkeit sich dieser zu stellen? Die gut gemeinten Vorschläge hin zu einem alternativen Wirtschaftssystem, die in der Debatte unter den Begriffen Globalisierung bzw. Neoliberalismus diskutiert werden, sind meiner Meinung nach eher populistisch als hilfreich. Ist der Populist doch der, der um den wahren Sachverhalt zwar weiß, jedoch statt aufzuklären, bestehende Ängste und Unsicherheiten bedient.

Ist es nicht eine Illusion, man könnte um Deutschland einen Schutzschild oder gar einen Schirm spannen, der den nächsten Globalisierungsschauer abhält? Worin soll denn dieser Schirm bestehen, der uns da anempfohlen wird? Was allerdings fehlt ist eine offene und tabulose Debatte über die tatsächlichen Möglichkeiten der Gesellschaft und des Einzelnen, sich auf die Welt, so wie sie momentan ist, einzustellen. Die Anforderung an die Flexibilität der Menschen wird nicht ab - sondern eher zunehmen. Niemandem einzelnen und auch nicht der Gesellschaft ist damit geholfen, diese Tatsache immer wieder zu beklagen. Hilfe brauchen die Menschen allerdings bevor sie durch die Folgen der Flexibilisierung in ein bodenloses Loch fallen. Die Menschen brauchen solidarische Unterstützung um die geforderte Flexibilität auch wahrnehmen zu können.

Auch wenn dies für manche Ohren neoliberal klingen mag, ist es das genau betrachtet nun gerade nicht. Will doch der Neoliberalismus vor allem die Pfründe einer etablierten Klientel bewahren, wohingegen die hier aufgeführten Argumente auf eine stärkere Akzeptanz eines unausweichlichen stetigen Wandels zielen. Der real existierende Neoliberalismus ist weit weniger libertär wie es sein Name vermuten lässt, als viel mehr knallharte Interessenpolitik zugunsten derer, die bereits etabliert und mächtig sind. Frei ist er dagegen von Vorschlägen, die es der Gesellschaft ermöglichten, sich auf den Wind der Globalisierung einzustellen. Was ist z.B. mit einer verpflichtenden Vorschrift für die Betriebe zur Weiterbildung ihrer Mitarbeiter? Etwas, das deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt bei einer Kündigung entscheidend erhöhen würde. Was mit einer viel weiter gefassten Abschreibung bzw. Berücksichtigung der Kosten von privat initiierter Weiterbildung bei der Steuer und der Arbeitslosenversicherung? Mit einer Industriepolitik, jenseits der einfallslosen Subventionitis, die Ziele und Chancenfelder erarbeitet?

Womit wir bei der sozialen Dimension des Themas angelangt wären. Dem sozialen Gewissen des Unternehmens. Seine Verantwortung gegenüber den Menschen. Aber - gegenüber welchen Menschen? Gegenüber denen, die bereits drin sind im Wohlstand, oder gegen über denen, die immer noch vor der Tür stehen? Was ist mit der Verantwortung gegenüber denjenigen, die endlich eine Chance sehen, aus der Armut herauszukommen? „Bisher fahren die Menschen in Jucu mit Pferdekarren, an Stelle von Straßen gibt es Schlamm- und Erdpisten. Nokia soll Wachstum und Wohlstand bringen.“, so der Bürgermeister von Jucu, dem neuen Standort für Nokias Handyproduktion. Für Rumänien ist es eine Chance.

War nicht genau dies auch eine jahrzehntelange Forderung der Dritte-Welt-Gruppen? Teilen des Wohlstandes mit den Ärmsten der Welt. Das klingt jetzt sicher in den Ohren der Betroffenen in Deutschland wie Hohn, aber es zeigt doch, dass die Zusammenhänge verzwickter sind, als sie bei einfacher Betrachtung erscheinen. Die Kernfrage ist dabei immer die gleiche: Hat der Etablierte höhere Rechte als der neu Hinzugekommene?

2 Kommentare zu “„Nokia soll Wachstum und Wohlstand bringen“”

  1. Lara sagt:

    Nein, für mich ganz klar: Der Etablierte hat nicht höhere Rechte als der neu Hinzugekommene.
    Ich komme immer wider auf “mein” Thema zurück: Bereits in den Familien, bereits im Feundeskreis, an Schulen und überall, sollte es ganz normal sein, andere zu unterstützen und gleichzeitig etwas über den eigenen Tellerrand hinaus, also “global” zu schauen.

    Ich gestehe, auch ich habe mich von der Reaktion “Nokia-Handy weg” beeinflussen lassen.

    Aber das bringt wirklich nichts. Die Welt ist nun mal global und wir müssen fähig werden, uns der Globalisierung zu stellen. Allerdings finde ich das Thema “soziales Gewissen der Unternehmer” schon wichtig:
    Unternehmer müssen wisen, dass sie es nicht mit “Human Capital” zu tun haben, sondern mit lebendigen Menschen, die nicht nur teueren Kapital-Verlust bedeuten. Verantwortungbewusster Umgang mit Menschen ist dringend nötig. Den Ansatz “Weiterbildung” finde ich schon mal sehr gut.

    Möglichkeiten der Gesellschaft und des Einzelnen, sich der Globalisierung zu stellen, sehe ich wie folgt:

    - Sozialen Umgang miteinander pflegen und sich gegenseitig untersützen - siehe oben. Diese Loyalität sollte “Kultur” werden. Naturwissenschaftler fanden heraus, dass der Mensch in der Evolution enorm von seinem “sozialen” Verhalten - hier waren wohl eher gemeinsam nutzbare Lösungen angedacht als wirklich soziales Empfinden für den anderen - profitiert hat. Mehr als von seiner Aggressivität, sprich den Kriegen, untereinander.

    - Kinder animieren, sich zu bilden um in der Gobalisierung zu bestehen. Abgedroschen, ich weiß, aber viele Eltern, die nicht so privilegiert sind, haben es noch nicht verstanden.

    - Sozialeres Verhalten der Unternehmen und der Politiker, z.B. wenn eine Subvention gewährt wird und man damit eine gewisse Hoffnung verbindet, diese auch fest vereinbaren (Arbeitsplätze). Alles andere ist verantwortungsloses Geldhinausschmeißen, das eigentlich den Steuerzahlern gehörte. Oder am besten Subventionen ganz sein lassen.

  2. Traumtänzer sagt:

    Mich interessiert nur eine Frage: würde sich irgendjemand aufregen, Nokia Handy’s zurückgeben, wenn es ausreichend Arbeitsplätze, konkret jetzt in Bochum gebe? Liegt das Problem nicht eher generell an der Wirtschaftssituation in Deutschland als an der Entscheidung eines Konzernes?
    Und diese Wirtschaftssituation hängt ja meiner Meinung nach auch mit der Einstellung der Politiker und Gewerkschaften in Deutschland zusammen.

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