Die Blinden und der Elefant - eine Parabel über religiöse Toleranz
“Es waren einmal fünf weise Gelehrte. Die waren alle blind. Diese Gelehrten wurden von ihrem König auf die Reise geschickt, herauszufinden, was denn ein Elefant sei.
So machten sich die Blinden auf die Reise nach Indien. Dort wurden sie zu einem Elefanten geführt. Die fünf Gelehrten standen im Kreis um das Tier und versuchten, sich durch Ertasten ein Bild von dem Elefanten zu machen.
Zurück bei ihrem König, berichteten sie nun, was ein Elefant ist. Der erste Weise hatte am Kopf des Tieres gestanden, und den Rüssel des Elefanten betastet. Er sprach: “Ein Elefant ähnelt gewiss einer Wasserpfeife.”
Der zweite Gelehrte hatte das Ohr des Elefanten ertastet und sprach: “Nein, ein Elefant ist vielmehr wie ein großer Fächer.”
Der dritte sprach: “Aber nein, ein Elefant ist wie eine dicke Säule.” Er hatte das Bein des Elefanten berührt.
Der vierte Weise sagte: “Es ist so: ein Elefant ist wie ein kurzes Seil mit Fransen am Ende.”, denn er hatte nur den Schwanz des Elefanten ertastet. Der fünfte Weise berichtete seinem König: “Ein Elefant ist wie eine Art Königsthron.” Dieser Gelehrte hatte den Rücken des Tieres berührt.
Nach diesen widersprüchlichen Äußerungen entstand eine große Verwirrung und die Gelehrten fürchteten sich vor dem Zorn des Königs, denn jeder neue Bericht überführte die anderen der Unwahrheit. Jeder war sich sicher, dass er recht hätte und sie konnten sich nicht darauf einigen, was ein Elefant wirklich ist.
Doch der König lächelte weise: “Ich danke euch, denn nun weiß ich, was ein Elefant ist.” Jetzt erkannten die Gelehrten, dass kein Grund für einen Streit bestand. Hatten sie doch gemeinsam die wahre Gestalt des Elefanten erfahren.”
Vor Jahren bin ich mal auf diese Parabel gestoßen. Meiner Meinung zeigt sie ganz gut, dass eigentlich jede Religion oder Philosophie nur einen Teil der Wahrheit besitzt.
“Vom physikalischen Standpunkt aus ist die hervorstechendste Leistung der Physik des 20. Jahrhunderts … die allgemeine Erkenntnis, daß wir noch nicht in Berührung mit der letzten Wirklichkeit sind. Um in Platons Gleichnis zu sprechen: Wir sind noch in der Höhle eingeschlossen, mit dem Rücken zum Licht, und können nur die Schatten an der Wand beobachten”.
James Jeans (1877-1946), englischer Physiker










Sonntag 20. Januar 2008 um 20:42
Schade, daß wir keine Könige sind.
Montag 21. Januar 2008 um 09:42
Stimmt, das wär nicht schlecht.
Andererseits - ist doch spannend nicht schon jetzt “The end of the story” zu kennen
und deshalb noch weiter “tasten” zu können.
Solange man nicht vor lauter Freude über die gefundene Wahrheit allen anderen,
mit Eifer, jede weitere Suche untersagt.
Eine Erkenntnis, die aber nun ihrerseits wieder nur einen Teil der Wahrheit darstellt
und deren Gegenstandpunkt somit die gleiche Berechtigung für sich beanspruchen kann!
Was ich jedoch nicht als ein Plädoyer für einen Relativismus verstanden wissen möchte
Montag 21. Januar 2008 um 10:15
Diese Parabel drückt doch treffend die Stärke von Blogs aus: jeder nimmt seinen Teil aus seiner subjektiven Perspektive wahr, aber das Gesamtbild kommt der Wahrheit sehr nahe.
Montag 21. Januar 2008 um 11:22
Hast du super ausgedrückt, finde ich: “… jeder nimmt seinen Teil aus seiner subjektiven Perspektive wahr, aber das Gesamtbild kommt der Wahrheit sehr nahe.”
Lerne ich auch durch das Bloggen immer mehr. Jeder braucht den Anderen. Vor allem auch den, der eine ganz andere Meinung hat, um annähernd ein stimmiges Gesamtbild zu bekommen.
Aber beim nächsten polarisierenden Aufregerthema werden trotzdem wieder die Emotionen mit mir durchgehen
Montag 21. Januar 2008 um 11:47
Ja, es ist nicht leicht, sich nur als ein Mosaiksteinchen zur Wahrheit zu begreifen, sondern hätte sie gerne auch ganz in seinem Besitz ;).
Stellt sich auch die Frage: ist es also besser, konsequent subjektiv zu sein, um seine Perspektive zur Wahrheitsfindung einzubringen, oder besser, eine Meta-Perspektive einzunehmen (also praktisch um den Elefanten herumzugehen), was letztendlich die Wahrheitsfindung schwieriger machen könnte, weil eine wichtige Perspektive vernachlässigt wird?
Werde die Frage mal in meinem Blog stellen….
Montag 21. Januar 2008 um 12:10
Sehr schöner Vergleich! Ich denke, er passt auf viele Lebensbereiche. Die subjektive Wahrnehmung jedes Menschen, Religion, Philosophie, Politik, Nationalitäten, Blogs…
Ich sage immer “Die Wahrheit ist nicht schwarz oder weiß, sondern grau bzw bunt.” Das bedeutet in etwa das selbe. Meistens ist der Mittelweg der richtige. Wobei das nicht bedeutet, dass man überhaupt in der Lage ist, die wirkliche Mitte zu finden (und somit alle Einzel-Wahrheiten überhaupt zu kennen). Man selbst ist ja schließlich auch eine Teil-Wahrheit, wenn man so will.
Was ich daran noch interessant finde ist, dass diese Sache das Leben sowohl erleichtern, als auch erschweren kann (also wieder irgendwas in der Mitte, hehe). Erkennt man, dass es immer mehrerer Teil-Wahrheiten bedarf, um das Ganze möglichst richtig zu erfassen, versteht man plötzlich vieles, was heute so passiert. Man bekommt einen neuen Durchblick und ein neues Verständnis für die Welt.
Auf der anderen Seite erschwert es dieses “Kommt drauf an…” bzw “Von jedem ein bisschen”, klare Einstellungen zu entwickeln und somit konkret zu handeln. Wenn die Welt nicht nur schwarz-weiß ist, dann ist es - wenn man das Prinzip der Teil-Wahrheiten konsequent lebt - nicht möglich, zu sagen “Weiß ist doof, deshalb bin ich der Meinung schwarz. Und deshalb handle ich schwarz und verurteile alles weiße.” (Wobei die Farben hier natürlich lediglich den Gegensatz symbolisieren, nicht irgendwas Politisches oder so.)
Beispiel: Wirkliches, konsequentes Mitgefühl ist sozusagen ein Produkt aus vielen Einzel-Wahrheiten. Ich sehe nicht nur meine Sicht, sondern versuche, den Standpunkt meines Gegenübers einzunehmen. Inklusiver seiner Erfahrungen, seiner Lebensgeschichte und der daraus resultierenden Meinung. Wenn ich das ehrlich und konsequent mache, wird es mir unmöglich sein, dieses Gegenüber “blind” zu verurteilen, sondern es wird sich eine Art “Verständnis” ergeben. Und daraus erwächst dann nicht nur Toleranz, sondern sogar ein Verantwortungsbewusstsein.
In manchen Bereichen, zum Beispiel in der Politik, ist es aber notwendig, einen klaren Standpunkt zu vertreten. Wären nicht deshalb Politiker, die sehr mitfühlend, tolerant und verständnisvoll sind, gänzlich ungeeignet für diesen Beruf? Weil sie keine eindeutigen schwarz-oder-weiß-Aussagen treffen könnten?
Ich wäre eine gänzlich schlechte Politikerin. Mir fällt es oft schwer, eine eindeutige Meinung zu etwas zu haben. Zu viele Teil-.Wahrheiten müsste ich dafür außer Acht lassen. Und das wäre ein inkonsequentes Verfolgen des Prinzips, welches mit der schönen Parabel beschrieben wird und in welchem ich mich seit Jahren übe. Das führt manchmal zu Unverständnis von anderen. Dieses “Grau” wird gerne als Naivität oder Idealismus abgetan.
Es gilt also, auch hier den Mittelweg zu finden: Möglichst viele Teilwahrheiten zu berücksichtigen und immer dafür offen zu sein. Sich jedoch nicht in diesem Wust zu verknoten, sondern genug Durchblick zu bewahren, um handlungsfähig zu bleiben. Das finde ich manchmal schwierig.
Montag 21. Januar 2008 um 16:37
Ich sehe vor allem, dass die Gefahr des Relativismus sehr groß ist. Das große Rätsel der Geschichte ist, doch, wie es dem König gelungen ist, die verschiedenen Aussagen zu kombinieren.
Ein Elefant ist ja nicht “ein bisschen ein Fächer, ein bisschen eine Säule, ein bisschen eine Wasserpfeife, … je nach dem, wer draufschaut und aus welcher Position”. Das ist Relativismus. Ein Elefant ist auch nicht Wasserpfeife und Säule und Fächer und…
Deshalb sind die Aussagen der Gelehrten in der Geschichte keine Teilwahrheiten, sondern schlicht falsch.
Montag 21. Januar 2008 um 18:18
Zit.: “Meiner Meinung zeigt sie ganz gut, dass eigentlich jede Religion oder Philosophie nur einen Teil der Wahrheit besitzt.”
Man könnte auch sagen, dass KEINE Religion oder Philosophie die Wahrheit besitzt.
(einen “Teil” der Wahrheit gibt es mE nicht, man kann auch nicht nur ein “bisschen schwanger” sein, Wahrheit ist nicht relativ)
Montag 21. Januar 2008 um 18:53
Ist dann eurer Meinung nach jede subjektive (Teil)Wahrheit falsch?
Montag 21. Januar 2008 um 19:05
@Jörg: in der Tat spielt die Aggregation der Informationen eine entscheidende Rolle. Aber einzelne Meinungen können aggregiert sehr wohl die Wahrheit ergeben. Nimm mal folgendes quantitatives Beispiel: 1000 Leute schätzen das Gewicht eines Bullen auf einem Jahrmarkt. Jede einzelne Schätzung ist falsch, aber das Mittel aller Schätzungen liegt um weniger als 3% daneben (eines der ersten Experimente zum Thema “Weisheit der Vielen”). Ist das Relativismus? Ich würde sagen, es ist Pragmatismus. Und genau das zeichnet auch den König aus der Fabel aus.
Dienstag 22. Januar 2008 um 23:32
Ich denke, man muss verschiedene Arten von Wahrheit unterscheiden. Erstens ist Wahrheit nichts anderes, als die EIgenschaft eines Satzes, nämlich die, wahr oder falsch zu sein. Die Aussage “heute regnet es” ist entweder wahr oder falsch. Wobei wir hier auch schon wieder das Problem haben “was ist heute”. Das hängt nämlich schon wieder davon ab, WANN und WO dieser Satz gesprochen/geschrieben/gelesen wird.
Aber hier geht es offensichtlich um den philosophischen Begriff der “absoluten Wahrheit an sich”. Und da bin ich schon eher der Meinung, dass man eher fragen sollte “WER ist Wahrheit”, also “WEM glaube ich? WEM vertraue ich?”
Oder ist gemeint die “Wahrheit über Gott”, oder ist gemeint die “Wahrheit über das Leben, das Universum und eben den ganzen Rest” oder oder……….
Aber wie gesagt, es könnte ja auch Wahrheitsfelder geben, sodass der Wahrheitsgehalt eines Satzes abhängig ist von Ort und Zeit, an dem er ausgewertet wird.
meint
Christoph
Mittwoch 23. Januar 2008 um 14:35
@Fragezeichner: Gut aber, dass jemand gewusst hat, dass man die Schätzungen mitteln und nicht etwa addieren muss. Dieses Wissen ist in der “Weißheit der Vielen” nicht angelegt, das ist die Klugheit der Einzelnen.
Ebenso beim König und seinen “Weisen”: Er hat sich eben keinen säulenartigen Wasserpfeifen-Fächer der ausssieht wie ein Seil mit fransen und auf dem man sitzen kann vorzustellen versucht, sondern eine eigene - ganz und gar seine - Theorie von der Beobachtungssituation eingebracht.
Mit der Wahrheit ist das ja so eine Sache, an dem Begriff haben sich schon viele Philosophen die Zähne ausgebissen. Wann ist denn der Satz “Heute regnet es” wahr? genau: wenn es heute regnet.
Mittwoch 23. Januar 2008 um 17:43
@Jörg - richtig, es gehört eine gewisse Weisheit dazu, die Weisheit der Vielen zu nutzen. Und auch wenn sie keine absoluten Wahrheiten hervorbringt oder vielleicht auch manchmal Schrott, ist sie doch ein in vielen Fällen wertvolles Instrument.
Und die Parabel passt doch auch prima auf Meinungsfindung: du liest doch zu einem Thema auch gerne verschiedene Meinungen, um Argumente gegeneinander abwägen zu können und zu einer möglichst objektiven Meinung (um das Wort Wahrheit zu vermeiden) zu gelangen.
Montag 17. März 2008 um 16:22
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