Maulana Dschelaleddin Rumi - ein großer islamischer Mystiker

Wie viel wissen die Deutschen über die Religionen der anderen Nationen, die mit ihnen zusammen in diesem Staat leben? So möchte ich heute einen der großen islamischen Mystiker - Maulana Dschelaleddin Rumi - vorstellen.

seite-aus-dem-koran.JPGMaulana Dschelaleddin Rumi und sein Werk hatten von Anfang an großen Einfluss auf die Dichter und Denker der islamischen Welt. Die persische und türkische Literatur sind ohne ihn kaum denkbar. Genauso wenig wie das Werk Muhammad Iqbal`s, des geistigen Vaters des heutigen Pakistan. Rumi`s Worte sind in der indischen Dichtung ebenso lebendig wie in der Philosophie Irans.
Im Westen ist Rumi dagegen eher indirekt, über den von ihm angeregten Orden der “tanzenden Derwische” bekannt. Dschelaleddin wurde wahrscheinlich am 30. September 1207 in Balch, im damaligen Persien und heutigen Afghanistan, geboren.
Als Gelehrter an einer islamischen Hochschule in Konya / Zentralanatolien (einer Gegend, die zur damaligen Zeit noch weitgehend christlich war) erlangte er bereits zu Lebzeiten große Berühmtheit.

Die Wende in Dschelaleddin`s Leben war die Begegnung mit Schamseddin von Täbriz, einem Derwisch, im Jahre 1244 in Konya. Eine der vielen Überlieferungen schildert das erste Zusammentreffen der beiden so:
Eines Tages kam Maulana aus der Medrese der Baumwollhändler. Er ritt auf einem Kamel, und die Studenten bewegten sich in seinem Gefolge. Plötzlich begegnete ihm Schamseddin Täbrizi und fragte Maulana: „Ist Bayezid größer oder Muhammad?“ Maulana sprach: „Was ist das für eine Frage? Muhammad ist das Siegel der Propheten –was hat er mit Bayezid zu tun?“ Schams sagte: „Warum hat dann Muhammad gesagt: `Wir kennen dich nicht, wie es sich gebührt.´ und Bayezid: `Preis sei mir, wie groß ist meine Majestät!´?“ Maulana fiel infolge der Ungeheuerlichkeit dieser Frage nieder und verlor das Bewusstsein…“ *


Ein Vergleich zwischen dem Propheten des Islam und dem iranischen Mystiker Bayezid, war das nicht Blasphemie?, so musste Dschelaleddin bestürzt annehmen. Trotzdem entwickelte sich aus diesem kurzen Gespräch eine so innige Freundschaft zu Schamseddin, dass Rumi sein bisheriges Leben vergisst und sich nur noch dem Gespräch mit seinem Freund widmet.

Auch heute noch kann man sich das Gerede vorstellen, das damals entstand, als der angesehene Hochschulgelehrte plötzlich seine gesellschaftlichen und beruflichen Aufgaben vernachlässigt. Nach zwei Jahren, als die Stimmung gegenüber dem Wanderprediger immer feindseliger wurde, muss Schamseddin fluchtartig die Stadt und seinen Freund wieder verlassen.

Der Weggang des geliebten Freundes ist so schmerzhaft für Dschelaleddin, dass er seine Trauer nur noch in Versen ausdrücken kann:

Ich hab gehört du willst auf Reisen gehen –
o tu es nicht!
Auf einen neuen Freund voll Liebe sehen:
o tu es nicht!
“ *

Er schrieb einen Brief nach dem anderen an den geliebten Freund – und endlich nach Monaten des bangen Wartens erhielt er eine Nachricht aus Damaskus. Rumi schickte seinen Sohn nach Syrien, um Schamseddin zurückzuholen.

Die Wiedersehensfreude der beiden ist riesengroß und Rumi bietet seinem Freund an bei ihm im Haus zu wohnen. Doch schon bald darauf kommt es wieder zu Unstimmigkeiten zwischen Schamseddin und dem Umfeld Rumi`s. Diesmal sogar mit der Familie des Gastgebers, vor allem mit Rumi`s zweitem Sohn, Ala`eddin. Kurze Zeit später ist Schamseddin wieder verschwunden – diesmal für immer. Die heutige Forschung hat herausgefunden, dass Schamseddin ermordet wurde, wahrscheinlich auch unter Mithilfe Ala`eddin`s.

Dschelaleddin, der von all dem nichts weiß, sucht seinen Freund überall, reist sogar selbst nach Syrien. Langsam beginnt er zu ahnen, was wirklich geschehen ist. Betäubt vor Trauer, gibt er sich mehr und mehr der Verskunst hin, wird zu dem Dichter, den die islamische Welt verehrt:

Ohne Körper und Seele sind wir beide ein Licht.
Ich bin er und er ist ich, oh Suchender…

Mein Herz ist der Muschel gleich,
die Perle: des Freundes Bild.
Ich passe nicht mehr in mich –
Er füllt das ganze Herz mir aus.
“ *

Eines Tages geht Dschelaleddin über den Bazar seiner Stadt und kommt auch zu den Goldschmieden. Hier hört er deren lautes Hämmern und beginnt sich im Kreis zu drehen. Den Tanz der Derwische tanzt er. Die jahrelange Sehnsucht nach dem Freund hatte in ihm den drehenden Tanz geboren. Er zieht den Goldschmied Salaheddin zu sich und tanzt mit ihm im Bazar.

Wieder sind die Einwohner Konya`s schockiert. War der Wanderprediger wenigstens ein gebildeter Mann gewesen, so beherrscht dieser Goldschmied nicht einmal die vorgeschriebenen Gebete. Und wieder verliert Dschelaleddin einen Freund - diesmal jedoch nicht durch Mord, sondern durch eine schwere Krankheit und unter langem Leiden stirbt dieser.

Ein Vers drückt seine erneute Trauer aus:

Wahrlich du warst hundert Welten
Und nicht ein einzelner Mensch - …
Gestern sah ich: das Jenseits
Hat diese Welten beweint…
“ *

Trotz all der Verunsicherung, die Rumi bei den Menschen in Konya durch sein Verhalten verursacht hat, verliert er doch die ganzen Jahre nie sein Ansehen als Gelehrter und Geistlicher. Er selbst ist sein Leben lang bemüht, Gott näher zu kommen. Viel ließe sich noch darüber sagen, wie er in seinen Schriften die grundlegenden Vorstellungen des Islam über Gott, den Erhabenen, darlegt, der fortwährend Neues entstehen lässt und niemals ruht:

„Ihn ergreift nicht Schlaf noch Schlummer.“ (Zweite Sure; Vers 265)

Dabei ist immer einer der zentralen Gedanken Rumi`s, dass alle Dinge nur durch ihr Gegenteil erkannt werden können:

Nur der Vogel, der süßes Wasser gekostet hat,
weiß, wie bitter das Brackwasser im heimischen
Wüstenbrunnen ist.
“ *

Unsterblich geworden ist er jedoch durch den Tanz, der aus seinem Schmerz erstand und dessen tiefsten Sinn er selbst so formuliert hat:

Seele, willst, ein Stern, dich schwingen, um dich selbst,
Wirf von dir des Lebens Nöte – Allah!
Wer die Kraft des Reigens kennet, lebt in Gott
Denn er weiß wie Liebe tötet. – Allah!
“ *

* Alle Zitate aus: Annemarie Schimmel; „Rumi – Ich bin der Wind und du bist das Feuer“
Quellen: Annemarie Schimmel, ebd.; Wikipedia

Ein Kommentar zu “Maulana Dschelaleddin Rumi - ein großer islamischer Mystiker”

  1. Lara sagt:

    Eine bewegende und faszinierende Geschichte. Beeindruckend die Sätze:
    “Ich passe nicht mehr in mich.” Oder: “Alle Dinge können nur durch ihr Gegenteil erkannt werden”.

    Es gibt nicht nur eine einzige Wahrheit und einen einzig wahren Glauben: Alles berührt und ergänzt sich gegenseitig - in Wahrheit und in ihrem Gegenteil.

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