Fremde als Heimat?

where-is-my-home.jpgJetzt habe ich die Messe endlich hinter mir. Ist einerseits immer sehr anstrengend, aber andererseits auch interessant.

So eine internationale Veranstaltung ist ja auch eine Zeit, zu der man „alte“ Bekannte aus allen möglichen Ländern wieder einmal sieht. Und - immer wieder erlebe ich es, dass ich mich mit nicht wenigen von ihnen, den ja eigentlich „Fremden“, oft besser verstehe und verbunden fühle, als mit so manchen meiner Landsleute.

Oder macht man sich in solchen Situationen in Wirklichkeit nur etwas vor? Weil vielleicht die Aufgeschlossenheit und die Neugier einem Anderen gegenüber in diesen Momenten größer sind als sonst? Vielleicht auch, weil man endlich einmal nicht die typisch deutschen Themen, Sichtweisen und Befindlichkeiten gegenseitig verstärkt, sondern herausfindet aus dem immer gleichen Circle?


In diesem Gefühl gegenseitigen Verständnisses empfinde dann sogar ich tatsächlich endlich auch einmal so etwas wie „Heimat“. Ich, der in seinem Grund-Lebensgefühl „heimatlose“ und unbehauste.

Gibt es das, eine zumindest geistige Heimat durch tiefe gegenseitige Vertrautheit?

Nicht nur der Immigrant kann heimatlos sein. Ich finde, auch „Daheim“ kann man sich tatsächlich heimatlos fühlen. Woran liegt das eigentlich?

Was bedeutet das im Grunde - „Heimat“? Bei den alten Ägyptern war „Heimat“ dort, „wo man dich bei deinem Namen kennt“. Heutzutage ist „Heimat“ für viele die vertraute, verklärte Landschaft der eigenen Kindheit.

Aber - ist denn Heimat überhaupt ein Ort? Und - welcher wäre das dann? Dort wo ich geboren wurde? Dort wo ich aufgewachsen bin? Das Land, das ich zu meinem Lebensmittelpunkt gemacht habe?

Oder ist Heimat ein Gefühlszustand? „Heimat“, wären das dann all die gleich gesinnten Menschen, in deren Mitte ich mich wohl und geborgen fühle? Ich, ich selbst sein kann?

Am ehesten noch spüre ich so etwas wie Verbundenheit zu meiner Herkunft und sogar heimatliche Gefühle, wenn ich nicht in meinem Heimatland bin. Im Urlaub oder aus einem anderen Grund im Ausland.

Dann spüre ich deutlich, dass ich nicht nur der individuelle nomadenhafte Kosmopolit bin, als der ich mich daheim fühle. Sondern gebunden. An eine Geschichte, aus der ich hervorgegangen bin. An eine Gruppe von Menschen, mit denen ich schicksalhaft verbunden bin.

Photo © Teodoratan

3 Kommentare zu “Fremde als Heimat?”

  1. Fragezeichner sagt:

    Schön gesagt. Ich lebe seit mittlerweilen 12 Jahren in Frankreich und die Vorstellung, wieder nach Deutschland zu ziehen, wird immer verschwommener. Dennoch freue ich mich immer auf Deutschland, sind mir meine Freunde in Deutschland wichtig, ich koche sogar Rezepte meiner Grossmutter. Seltsam! Was ist meine Heimat? Ich kann es nicht sagen, vielleicht habe ich jetzt mehrere?

  2. Muschelschubserin sagt:

    :) Manchmal ist es lustig: Da denkt man jahrelang seine Gedanken vor sich hin, fühlt was man fühlt und meint, man sei damit so ziemlich der Einzige. Und wenn man es dann endlich mal ausspricht, bemerkt man, dass es gleich mehrere Menschen in der eigenen Umgebung gibt, die genauso oder ähnlich zu denken und fühlen scheinen.

    Dieses Mal die Sache mit der Heimat. Du bist jetzt der 2. innerhalb weniger Wochen, der Worte äußert, die so oder so ähnlich von mir stammen könnten. Auch ich habe mich noch nie richtig “zu Hause” gefühlt. Solange ich bewusst darüber nachdenken kann, dass man nicht an einen Ort gebunden ist - und das meine ich wirklich so - denke ich schon darüber nach, wegzugehen. Das ist die große Entscheidung, die ansteht und von der ich letztens schon in einem anderen Kommentar (zur Freiheit) geschrieben habe.

    Meine vier Monate im Ausland vor einem Jahr haben mir zu einem Ziel verholfen. Seitdem frage ich mich, wie kann es sein, dass ich an einem fremden Ort bin und denke “Das bin ich. Hier bin ich. Endlich.” Dass ich es schon immer gewusst habe. Dass mir klar wird, wie sehr ich dort, wo momentan mein “zu Hause” ist, nicht wirklich ich bin, wohl nie wirklich sein kann und werde? Als würde hier ein Teil von mir fehlen. Ich bin schon mein halbes Leben lang auf der Suche. Was das bedeutet, können Viele nicht nachvollziehen (ist jedenfalls meine Erfahrung): Heimatlos zu sein, sich “zu Hause” nicht “zu Hause” zu fühlen. Ich empfinde es als so viel, was mir fehlt!

    Ich glaube, dass es eigentlich eher ein Gefühl, als ein Ort ist. Natürlich muss der Ort stimmen, um das Gefühl auszulösen. Für mich gehört immer Wasser dazu. An einem Ort ohne Wasser werde ich nie ein Heimatgefühl bekommen. Das ist mir mittlerweile klar geworden. Aber eigentlich ist es das Gefühl, dass sich in mir regt - so ein warmes Angekommensein, ein Gefühl der eigenen Mitte. Ich schätze, ich könnte es an vielen Orten haben, umgeben von unterschiedlichsten Menschen.

    Dass ich trotzdem natürlich an meine “Heimat”, der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, den dort lebenden Menschen und Erfahrungen gebunden bin, ist klar. Und natürlich fühle ich mich bei meiner Familie am wohlsten. Diese Dinge sind Teil von mir. Aber es fehlt das Heimatgefühl. Ich empfinde es weder an dem Ort, wo ich aufgewachsen bin, noch an dem, wo ich jetzt wohne.

  3. Lara sagt:

    Wenn ich darüber nachdenke, ist “Heimat” ein Gefühl. Für mich sind es Gedanken und Gefühle an Menschen, mit denen man sich wohlfühlt oder wohlfühlte.

    Wenn ich an meinen russischen Vater denke, an seine Liebe zu seiner - im wahrsten Sinnn des Wortes - Wahlheimat Deutschland, dann ist Deutschland - der Kulturraum, die Ausbildung, die Gesellschaft, in der ich groß geworden bin, absolut meine Heimat. Aber auch ich kenne die kleine Zerissenheit schon aus den Geschichten meines Vaters, wenn er von den Sonnenblumenfeldern, vom Angeln, von Feldern, von russichen Schriftstellern usw. sprach - da war seine Sehnsucht nach der Heimat seiner Kindheit nicht zu unterdrücken.
    Diese Zerissenheit prägt auch mich ein wenig.

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