Wen soll der Westen unterstützen - gemäßigte Islamisten oder islamische Dissidenten?

Vor ein paar Tagen fand auf Perlentaucher.de eine interessante, international beachtete Debatte * über das Thema Multikulturalismus und Islam statt. Auslöser war ein Essay Pascal Bruckner`s über Ian Burumas Buch “Murder in Amsterdam”.

Ian Buruma hatte in seinem Buch Ayaan Hirsi Ali, eine wortgewandte Islamdissidentin, angegriffen und ihr vorgeworfen, dass ihre Islamkritik verantwortungslos und kontraproduktiv sei. Sie sei damit zur „Fundamentalistin der Aufklärung“ geworden, die, als ein ehemaliges Mitglied der ägyptischen Muslimbruderschaft nur den Propheten-Fanatismus durch den Vernunfts-Fanatismus ersetzt habe.
Pascal Bruckner weist nun in seinem Essay diese Anschuldigung Buruma`s als falsche Gleichsetzung zurück.


Er verteidigt Ayaan Hirsi Ali damit, dass sie allein mit Worten argumentiere und anders als die, von ihr als islamistische Fanatiker kritisierten, niemals Mord gepredigt habe, um ihre Ideen durchzusetzen. Mit einem Zitat aus Ali`s Autobiografie unterstützt er seine Argumentation: “Der Koran ist Menschenwerk, nicht Gotteswerk. Darum müssen wir uns frei fühlen, ihn zu interpretieren und der modernen Zeit anzupassen, anstatt uns schmerzhaft zu verrenken, um wie die ersten Gläubigen in einer fernen und fürchterlichen Vergangenheit zu leben.

In der darauf folgenden internationalen Debatte geht es darum, wen der Westen unterstützen soll. Die gemäßigten Islamisten wie Tariq Ramadan oder islamische Dissidenten wie Ayaan Hirsi Ali?

Im Kern geh es um die Frage, aus welchem Blickwinkel eine als “fremd” eingeordnete Kultur betrachtet wird. Während Ian Buruma das Fremde, aus den Erfahrungen des Kolonialismus kommend, als per se sakrosant und unantastbar betrachtet, kommt eine Position, die das “Fremde” als dialektischen Teil der eigenen Kultur sieht und von daher einen “Kampf der Kulturen” vehement ablehnt, zu einem ganz anderen Schluss: die Universalität von Aufklärung und Menschenrechten, Toleranz und Meinungsfreiheit sind ein allgemeines Recht der gesamten Menschheit.

Was Positionen, vergleichbar denen Buruma`s, darüber hinaus ausblenden, ist, dass sie in ihrem Errichten eines unantastbaren Reservates eben genau jenen Kolonialismus am Leben erhalten, dessen Überwindung sie anstreben. Gleich dem vergangenen Kolonialismus lebt auch der neue von der Teilung der Welt. Während der überwundene Kolonialismus die Welt in Zonen der Exploration, der Produktion und der Konsumtion aufteilte, errichtet sein Widergänger Homelands kulturell Unberührbarer. Beiden Denksystem gleich ist eine Trennung der Welt in fremd und eigen.

Aus einer kosmopolitischen und humanistischen Position heraus gibt es keinen einsichtigen Grund die grundlegenden Forderungen der Aufklärung, die im Westen eine der einstmals mächtigsten Institutionen, die Katholische Kirche, herausgefordert hatten und die die feudale Diktatur und den Aberglauben besiegten, nicht auch an nicht-westliche Kulturen zu stellen. Oder wie Ayaan Hirsi Ali dies formuliert: “Kolonialismus und Sklaverei haben im Westen ein Gefühl der Schuld hinterlassen, das dazu verführt, andere Kulturen einfach immer ganz wunderbar zu finden.

Ian Buruma antwortet Pascal Bruckner daraufhin mit dem Appell die beachtlichen Unterschiede zwischen den verschiedenen islamischen Richtungen in Betracht zu ziehen: „Den Islam zu verurteilen, ohne seine vielen Variationen in Betracht zu ziehen, ist zu unüberlegt. Nicht jeder Muslim, nicht einmal jeder orthodoxe Muslim, ist ein Heiliger Krieger in spe. Die Dschihadisten zu isolieren und ihre gefährlichen Dogmen zu bekämpfen, ist zu wichtig, als dass man darauf mit kruden Polemiken reagieren sollte.“

* Die Debatte ist auch als Buch unter dem Titel “Islam in Europa” in der edition suhrkamp erschienen.

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