Das Leben der Anderen
Normalerweise bin ich ja immer mit “Sir Henry” unterwegs. Aber da mein Führerschein jetzt für einen Monat auf der Wache gepflegt und gewartet wird, lerne ich es nun kennen, das Leben der Anderen - der ÖPNV-Benutzer.
Und ich muss feststellen, die Strafe wirkt. Ich wusste ja, dass dieses andere Leben hart werden wird. Aber - so hart! Es fängt schon mit der Fahrkarte an. Nachdem man über den Fahrkartenautomaten und das Internet verschiedene Preise für die gleiche Strecke genannt bekommen hat, die unterschiedlichen Werte mittelt, addiert, subtrahiert und doch sicherheitshalber den teueren Fahrschein nimmt, ist man nun glücklicher und selbstbewusster Besitzer eines ÖPNV-Fahrscheins. Schwarzfahren, wie als Jugendlicher? Ne, ich doch nicht! …
Aha, da ist er ja - nach Tagen des unkontrollierten Reisens: der Kontrolleur. “Wie, der Fahrschein gilt nicht?”. “Die Fahrkarte wird nur gültig mit einer zweiten Fahrkarte?“. “Echt jetzt?”. “Ach und den gibt`s nur an einem richtigen Bahnhof, nicht hier an dem Automaten?”. “Und da darf ich hinfahren, so ganz ohne…?”. “Ah, verstehe. Ausnahmsweise. Sonst 40 €. Na, da hab ich ja noch mal Glück gehabt, dass S i e mich kontrolliert haben und nicht ….”.
Nachdem ich nun derart in die Geheimnisse eines deutschen Fahrscheins eingeweiht wurde, auch immer wieder zwanghaft versucht habe, mich anzuschnallen, an jeder Haltestelle meinen Frühstücks-Kaffee verschütte, weil der Schaffner es nicht schafft, den Zug sanft zum Stehen zu bringen, bin ich nun endlich am Fahrtziel angelangt. Jetzt aber nix wie raus hier. “Ja sag amal, des gibt`s doch net. Mensch Kruzitürken, etz geh halt auf, du Mistding!”.
Meinst ich bring die Scheiß-Tür auf! Jetzt bin ich ja nun nicht grad ein Krischperl, aber das Ding hier ist ja wohl Mehdorn`s Rache. … oder ein Schauspiel, zur kostenlosen Unterhaltung der Zugführer? Der schaut an jeder Haltestelle lustig aus seinem Führerhausfenster den Fahrgästen zu, wie sie mit vereinten Kräften, von außen und innen, an der Tür herum hebeln und wuchten.
Während der Heimfahrt bin ich dann mit einem Bahnangestellten ins Gespräch gekommen. “Die Türen gehen aber schwer auf!”. “Stimmt“. “Ja, und. Die könnt man doch mal reparieren!”. “Lohnt sich nicht.“. “Na toll, wieso das denn”. “Kommen ganz neue Züge“. “Aha. Und wann”. “Im Herbst“. “Da fahr ich wieder mit dem Auto”. “Mal seh´n “. “Stimmt auch wieder”.
Aber der größte Nachteil des anderen Lebens ist: Mein mühsam aufgebautes Image als immer zu spät eintrudelnder Marketing-Mensch geht langsam völlig flöten. “Sir Henry, es wird Zeit, dass du mich wieder unpünktlich fährst!”
Update: Die Türen lassen sich doch öffnen. Mit einem Trick. Den kennt aber keiner. Und ich verrate ihn selbstverständlich auch nur dem nächsten Radarfallen-Opfer!!










Sonntag 3. Februar 2008 um 11:54
Nicht nur als Zwang-VÖPN-Anhänger erlebt man solche Situationen. Als Postkunde kommt man auch schnell zu einem vergleichbaren Genuß !