Schicksal und Glaube

i-am-leaving.jpgIch weiß, wir sind nicht frei, denn ich bin es nicht.

Plötzlich beugte ich mich ganz nah an sein Gesicht, dass er ein wenig zuckte, und schrie laut und immer lauter: Sie sind der größte Verbrecher! Sie heilen nur, damit man uns wieder als Kanonenfutter brauchen kann“. … “Sie kommen in eine Heilanstalt“, sagte der Arzt tonlos und die Wärter nahmen mich in ihre Mitte“.


Wir sind Gefangene“, nennt Oscar Maria Graf die bewegende Erzählung, in der er die Moral-, Denk-, und Verhaltensgefängnisse seiner Zeit beschreibt. Seine Suche nach Befreiung und Selbstverwirklichung, die oft nur auf Kosten anderer zu haben ist. Wir wehren uns gegen das schicksalhafte Leben - und verstricken uns zugleich immer weiter.
Freiheit – nur um ein vorbestimmtes Schicksal zu verwirklichen? Alles ist, wie es ist?

Peter Härtling: „Ich sollte meinem Vater die Tabletten bringen. Er hatte die Ruhr. Ich lief hin zu dem Ort, an dem er und die anderen Kriegsgefangenen festgehalten wurden. Sie wurden gerade in Marsch gesetzt. Da entdecke ich meinen Vater. Er winkt und lächelt mir zu. Ich winke zurück und laufe schneller. Ein Wachsoldat tritt mir in den Weg, schlägt mich mit dem Gewehrkolben und drängt mich ab. Ich hatte nicht mehr den Mut, meinem Vater die Tabletten zu bringen. Ich versteckte sie unter einem Heuhaufen, denn mit den Tabletten in der Hand traute ich mich nicht zurück zu meiner Mutter. Nach einem Jahr erfuhren wir, dass Vater im Lager gestorben war. Irgendwann konnte meine Mutter all das Erlebte nicht mehr ertragen - die erlittene Vergewaltigung, die Vertreibung, den Tod meines Vaters - und beging Selbstmord.

Die, die vor uns da waren, zwingen uns zu Eindrücken, die unser Leben - uns selbst - formen. Sollen wir diese Bilder vergessen, weil sie nicht eigentlich zu uns gehören oder bin I c h gerade das, was Ich nicht sein will, was aber schicksalhaft mit mir verbunden ist?
Ich ist ein anderer“, meint Arthur Rimbaud.

Die Entscheidung liegt bei dir!“, sagt Reinhard K. Sprenger. Dann wäre ich also für mein Schicksal selbst verantwortlich. Stünde immer wieder vor neu der Wahl, und hätte die Freiheit dazu, mein Schicksal jederzeit zu ändern. Wenn ich keinen anderen Menschen für mein eigenes Schicksal verantwortlich machen kann - warum sollte ich dann dem Rat eines anderen Menschen Glauben schenken? Einen jedoch kann ich für mein Schicksal verantwortlich machen: Gott. Dann sollte ich doch Ihm dafür glauben?

In die Hölle schafft es der Mensch alleine, in den Himmel kommt er nur zusammen mit seinem größten Feind. Gibt sie also doch, die Hölle? Einige haben durch die geöffneten Höllentore gesehen und seitdem plagt sie die Angst. Sie können es nicht mehr vergessen: Wie man in die Hölle kommt und wer hinein kommt. Es ist anders, als es die Religionen erzählen. Auch deshalb glauben viele nicht mehr an die Religionen.

Wir wissen, gegen wen Menschen ihren Glauben missbrauchen - gegen Menschen. Religionen unterscheiden sich in dem Maß ihrer Toleranz (und dies könnte den Stoff für einen weiteren Essay abgeben). Gemeinsam ist jedoch allen, dass sie ihren Glauben für wahr, für die einzige Wahrheit, den der anderen für unwahr, halten.

Das „So-Sein“ des Menschen verhindert ein endgültiges und vollständiges Erfassen „der Wahrheit“. Einige Farben und Töne können wir wahrnehmen, andere nicht. „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“, fragt Paul Watzlawik. Trotz aller Fortschritte: der Mensch bleibt, ja muss „blind“ bleiben, gegenüber der „wahren“ Wirklichkeit – seiner Erkenntnis sind naturgegebene Grenzen gesetzt. “Je mehr ich weiß, desto mehr erkenne ich, dass ich nicht weiß” wusste Albert Einstein, sich auf Sokrates beziehend.

In jedem geschlossenen System wird aus „heiß und kalt“ früher oder später lauwarm, hält uns der zweite Hauptsatz der Thermodynamik vor Augen. Ordnung und Information zerfallen in einen Zustand gleichmäßiger Unordnung. Ein Ruhezustand der Gleichverteilung. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ und nie nach oben, beobachtet Isaac Newton. Die Naturgesetze und das Gesetz des Schicksals formen jenen geschlossenen Raum. Gibt es also nur diese eine, in sich abgeschlossene, Welt?

„Es gibt auch eine nicht-deterministische Zweite Welt“, die Quantentheorie bringt den “Zufall” ins Spiel. Der Zufall - Ereignisse, die nicht kausal erklärbar sind, hinter denen keine erkennbare Regel steckt? Deren Gesetzmäßigkeit wir nicht erklären können?

Nein, „Das beobachtete System ist in sich zufällig!“, es gibt den Zufall tatsächlich, sagen Niels Bohr und Werner Heisenberg. Der Zufall, „kontinuierlich neues erschaffend“, glaubt nicht an ein gesetzmäßiges Schicksal, sondern an die Freiheit. Meine Freiheit.

Photo © Teodoratan

6 Kommentare zu “Schicksal und Glaube”

  1. Fragezeichner sagt:

    Ich schweige vor Respekt!

  2. Aki Arik sagt:

    @ Fragezeichner:
    Danke, aber ich hoffe, das Schweigen hält nicht lang an ;-)

  3. Fragezeichner sagt:

    Es ist ja ein eher poetischer Text, den sollte man auch einfach mal so stehen lassen und nicht in seine Einzelteile zerlegen, um ihn seiner Wirkung nicht zu berauben. Über einige Punkte hatten wir ja auch schon in Blog-Beiträgen diskutiert.
    Finde das übrigens eine tolle Idee, ein Essay auf Basis von thematisch verwandten Blog-Einträgen, also einen Bogen zu schlagen und die vielen Einzelteile unserer Blog-Gedankenwelt sinnvoll zusammenzufügen.

  4. Michael Kostic sagt:

    Hallo,

    man könnte fast meinen Du wolltest damit etwas sagen, dass nur jemand oder einige wenige verstehen sollen :-)
    Die Form ist genial!

    Gruß

  5. Aki Arik sagt:

    @ Michael:
    beim Schreiben mach ich mir über sowas ehrlich gesagt keinen Kopf.
    Ich freu mich aber darüber, dass die Beiträge, die mir persönlich wichtig sind, auch
    am häufigsten angeclickt werden - und das ist doch schön :-) Also - an dieser Stelle - Dank an Alle !

  6. Lara sagt:

    Ich selbst bin davon überzeugt, dass unsere Ahnen und die Geschehnisse der Vergangenheit irgendwie Einfluss auf unser Leben ausüben (siehe auch die Verstrickungen, die Bert Hellinger immer wieder aufgedeckt hat). Auch glaube ich schon an ein irgendwie grob vorgegebenes Schicksal. Da spielen natürlich die Zeit, in die wir hineingeboren wurden, eine Rolle und die Denk- und Gefühlsströmungen des jeweiligen Jahrhunderts. Auch der Zufall spielt eine verflixte, natürlich unberechenbare Rolle.

    Andererseits bin ich mir sicher, dass wir Herz, Geist und Verstand dazu erhalten haben, unsre Möglichkeiten, die uns Leben und Schicksal bieten, auch zu ergreifen und unser Leben zu gestalten.

    Alles fließen lassen und abwarten, was das Schicksal “bringt”, würde bedeuten, diese Resourcen zu vergeuden, und nicht zu erkennen, dass man aus seinem Leben auch etwas machen kann, auch das Glück sehr wohl in die Hand nehmen kann. Ich kann nicht glauben, dass Gott und Natur uns so verschwenderisch mit Geist, Herz und Verstand bedacht haben, damit wir diese Gaben brachliegen lassen. Sein Schicksal nicht in die Hand nehmen und nicht das Beste daraus zu machen, bedeutet für mich Verschwendung und Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber, nicht leben wollen.

    Auch halte ich meinen eigenen Glauben nicht für den einzig wahren. Ich kenne viele Andersgläubige und fühle, dass wir alle den einen Gott haben. Aus Gesprächen mit Andersgläubigen weiß ich, dass auch sie oft so denken.

    Ich weiß ganz sicher, dass ich nichts weiß. Aber ich denke auch, alles zu wissen, würde unsere Seele und unseren Geist überfordern, wir würden es nicht verkraften. Ich fühle, ich selbst würde sonst “verrückt” werden.

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