Verschwunden - und wieder aufgetaucht!
Das kennt wohl jeder. Bei jedem Umzug geht immer irgendetwas verloren. Besonders ärgerlich ist es für mich, wenn eines meiner Bücher weg ist. Ich denke dann jedes Mal: das hat jetzt bestimmt jemand anders.
Nun aber habe ich zur Abwechslung mal ein Buch wieder gefunden. Und das kam so:
Die Handwerker waren da und ich wollte einiges aus dem Weg und in den Keller bringen. Beim Umräumen sehe ich zufällig einen alten Pappkarton und schaue nach, was drin ist. Unter allerlei Küchenkram entdecke ich es: mein blaues Tagebuch! Habe ich hier nicht meine damaligen Gedanken zu 9/11. aufgeschrieben? Wie lange ist das schon wieder her? Da haben doch noch die „Könige“ Schröder und Joschka regiert. Ich werde das Buch wieder mit nach oben nehmen. Ich schließe die Kellertür und zerreisse mir dabei an einem hervorstehenden Nagel meine Kleidung. Ich schlage das Buch auf, beginne zu lesen - und bin bewegt, was ich doch seitdem alles vergessen habe.
In diesem Tagebuch hatte ich damals aufgeschrieben, was mich in der Zeit nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center beschäftigt hatte. Die berechtigte Sorge von vielen Menschen in diesen Wochen war, dass es, wie schon einmal im Kalten Krieg, wieder zu einer Teilung der Welt kommen würde. Nur eben diesmal in eine westliche und die islamische Welt. „Ich befürchte, der 11.09. wird missbraucht werden für einen Angriff auf den Islam.“, schrieb ich.
Mich interessierte, was die Attentäter zu ihren Anschlägen gebracht hatte. Und was das für eine Religion ist, in deren Namen sie handeln. Durch Reisen in die Türkei und nach Istanbul (eine wunderschöne Stadt!), die Gespräche mit Imamen in einigen Moscheen und durch den Koran bekam ich langsam einen immer tieferen Einblick in den Islam. Über den in München lebenden Moslem Oguz A. lernte ich auch unterschiedliche religiös-kulturelle Dialoggruppen in verschiedenen Städten kennen.
Ich lese weiter in meinem Tagebuch: „Die Gefahr besteht, dass der Westen in einer sich nun abzeichnenden Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus, Intoleranz und Terrorismus jetzt seine eigene Toleranz schrittweise wieder aufgibt“.
Mich hat seit der Zeit die Frage nach den Ursachen transpersonal motivierter Gewalt immer wieder beschäftigt. Menschen, die frei von ihrer Kollektiv-Geschichte vielleicht die besten Freunde wären, werden im Namen einer „Idee“ und einer scheinbar guten Sache zu Feinden. Sie wissen dies natürlich selbst - und können sich doch von alleine nicht aus diesen Schicksals-Verstrickungen lösen. Bleiben immer weiter Ausführende eines Mems - ihres kollektiven Gedächtnisses.
Ich lese weiter: „ Es ist eine Geschichte darüber, wie wir auf der Suche nach unserer persönlichen Identität zu Überlieferungen und Bildern greifen müssen, die uns gegenseitig zu Feinden machen.“ „…greifen müssen“ – vielleicht ist das einer der Schlüssel? Ich bin froh, dass ich dieses Buch wieder gefunden habe …
Die Intoleranz und Unduldsamkeit gegenüber anderen Menschen und deren Ansichten ist eines der traurigsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Sie entspringen aber wohl nicht nur der menschlichen Neigung zu Rechthaberei und Streit, sondern auch der Eigenart der Menschen, Idealen und Ideen blind zu folgen.
Beinahe täglich ist in den Zeitungen oder in den Fernsehnachrichten von Gewalt und Terror die Rede. Auf die mörderischen Selbstmordattentate, wie jetzt wieder am 6. März auf die Talmud-Schule „Mercas Harav“ in Jerusalem, folgt dann meist eine gnadenlose Vergeltung. Die Politiker und religiösen Führer sind scheinbar zu einem Dialog unfähig. Stattdessen bestimmen Hass und Fanatismus, Wut und Rache das Geschehen. Aber nicht nur im Nahen Osten, sondern genauso in Afrika (Kenia, …), Asien (Sri Lanka, …), Europa (Kosovo, …) …
Die Spurensuche nach einigen der Gründe und vielleicht auch den tieferen Ursachen für diesen weltweiten Hass wird die nun kommenden Schritte und Artikel der zweiten Phase in diesem Blog bestimmen. Damit es nicht zu monothematisch wird, schreibe ich - für die, die mir auf diesem Weg folgen wollen - auch weiter zu Themen wie Globalisierung, Religion oder Kultur. Also z.B. über folgende Fragen: „Haben die Religionen eine Mitschuld an der Gewalt auf der Welt?“, „Was ist eigentlich aus dem „Weltethos-Projekt“ von Hans Küng geworden?“. “Sind all dieser Hass und die Intoleranz Stationen auf dem Weg zum wahren Menschentum oder einfach nur Irrwege?”, wie sich dies sinngemäß auch der Schriftsteller Albrecht Goes fragt. „Welche Brüche und Verwerfungen gibt es innerhalb der menschlichen Gemeinschaft durch die Globalisierung?“, „Was bedroht die eigene kulturelle Identität?“, „Ist z.B. so eine Idee wie die „Gewaltfreie Kommunikation“ von Marshall Rosenberg ein Weg zu mehr Toleranz?“ …
P.S.: Was rät mir hierzu heute das chinesische “Buch der Wandlungen“? „Wir müssen uns das ansehen, was wir ernähren wollen und dann darüber nachdenken, welche Nahrung sich am besten eignet.“










Montag 17. März 2008 um 20:04
Das klingt alles sehr gut und durchdacht. Ich bin auf weitere Artikel gespannt!
Idealismus, wie Du ihn ansprichst, führt leider schnell zu Hass und Fanatismus, die Grenzen sind schwierig zu ziehen. Insofern brauchen wir Leute, die das durchdenken und hinterfragen. Im Grunde ist das der eigentliche Anfang zu einem Dialog.
Dienstag 18. März 2008 um 12:23
Auch ich bin sehr gespannt, was da noch kommt. Weiter so und liebe Grüße!
Dienstag 18. März 2008 um 22:38
Ich freue mich auch auf weitere Artikel.
Freitag 21. März 2008 um 09:47
@ Alle:
Danke !