Hans Küng und das Projekt Weltethos
Hans Küng, der Gründer der Projekts „Weltethos“, gilt als einer der profiliertesten Theologen Deutschlands. Nach langwierigen Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche, insbesondere um das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes, war ihm Anfang 1980 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen worden. In der Zeit danach beschäftigte sich Küng intensiv auch mit den nichtchristlichen Weltreligionen.
Unter “Weltethos” versteht Küng dabei die allen Religionen gemeinsamen zentralen ethischen Werte. Mit seinem Projekt will er diese dokumentieren und zugleich die ethischen Grundforderungen aufstellen, welche von allen akzeptiert werden können.
Mit dem „Weltethos“ soll ein Appell an die Weltreligionen gerichtet werden, sich auf einen Grundkonsens über verbindliche Werte zu verpflichten, so wie dies auf staatlicher Ebene die Nationen mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geleistet haben. Küng sucht damit nach einem Weg die Welt zukünftig friedlicher zu gestalten. Denn in religiös begründeter Gewalt sieht er zwar einerseits eine der Ursachen für die Entstehung von Kriegen. Andererseits könnten die Religionen aber einen Beitrag zum Frieden leisten, wenn sie sich auf die gemeinsamen ethischen Vorstellungen besinnen würden. Eine globalisierte Welt brauche nach Küng auch ein gemeinsames globales Ethos.
Küng bewegt die berechtigte Sorge, dass die Welt auch mit dem Ende des Kalten Krieges nicht friedlicher geworden ist und dass das angehäufte weltweite atomare Vernichtungspotential ausreichen würde, die gesamte Menschheit mehrmals vollständig zu vernichten. Seine zentralen Thesen lauten zusammen gefasst: „Kein Überleben ohne ein Weltethos. Kein Weltfriede ohne Religionsfrieden. Kein Religionsfrieden ohne Religionsdialog.“ Mit dem Projekt Weltethos soll einem Missbrauch von Religion zur Verbreitung von Haß und Gewalt durch Fundamentalisten entgegengearbeitet werden.
Ursprüngliches Ziel war es, durch ein „Weltethos“ das Bewusstsein der Menschen ebenso nachhaltig zu verändern, wie dies der Friedens- oder der Umweltschutz- bewegung gelungen ist. Küng ist dabei überzeugt, dass die Menschheit nur dann überleben kann, wenn es ihr gelingt, gemeinsame Normen, Ideale und Ziele zu entwickeln. Diese Gemeinsamkeiten in den Religionen zeigen sich z.B. in der so genannten Goldenen Regel, welche alle Kulturen und Religionen in gleichem Maße kennen. Das Projekt Weltethos führt dazu folgende Beispiele an:
Hinduismus: Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral. – Mahabharata (Geschichte Großindiens) XIII, 114.8
Jainismus: Gleichgültig gegenüber weltlichen Dingen sollte der Mensch wandeln und alle Geschöpfe in der Welt behandeln, wie er selbst behandelt sein möchte. - Sutrakritanga 1,11,33
Konfuzianismus: Was Du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an. - Konfuzius, Lunyu (Die Analekten des Konfuzius) 15,23
Buddhismus: Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten? - Samyutta-Nikaya (Reden Buddhas) V, 353.35-354.2
Judentum: Tue nicht anderen, was Du nicht willst, dass sie Dir tun. - Rabbi Hillel, Sabbat 3a
Christentum: Alles was Ihr wollt, dass Euch die Menschen tun, das tut auch Ihr Ihnen ebenso. - Neues Testament, Matthäus 7,12; Lukas 6,31 bzw. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selber., Levitikus 19,18 AT, Lukas 10,27, Matthäus 19,19, Matthäus 22, 39, Römer 13,9, Galater 5,14.
Islam: Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht. - An-Nawawi, Kitab Al-Arba’in (Vierzig Hadithe), 13
Seit 1995 wird das Projekt Weltethos wird von der “Stiftung Weltethos” getragen, deren Präsident Hans Küng ist. Gegründet wurde die Stiftung von Graf K.K. von der Gröben, der dafür mehrere Millionen Mark zur Verfügung stellte.
Ich finde die Idee von Hans Küng sehr beeindruckend, dennoch bleibt für mich die Frage offen, wie allein eine Auflistung ethischer Regeln in einer Weltethos-Agenda das Verhalten der Menschen positiv beeinflussen soll, wenn nicht einmal die gelebten Religionen selbst die normative Kraft haben, das Verhalten der Menschen auch tatsächlich in diesem Sinne zu verändern?
Können globale ethische Standards, wie ein gemeinsames Weltethos, wirklich ein Weg hin zu mehr Frieden in der Welt sein? Ist das ein rein theoretischer Diskurs, wie man Küng oft vorgeworfen hat, oder fehlen dieser Idee einfach nur die Menschen, die bereit sind, sie zu verbreiten?
Erstellt am Freitag 25. April 2008
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