Archiv für Mai 10th, 2008

„Verbrennt mich!“

bucherverbrennung-mai-1933.jpg
Heute, vor 75 Jahren, am 10. Mai 1933, wurden in Berlin und anderen deutschen Städten öffentliche Bücherverbrennungen inszeniert. Dabei wurden die Werke verfemter Autoren spektakulär und öffentlich ins Feuer geworfen. Es war der Beginn der Ausgrenzung in Nazideutschland gegen alles, was links, jüdisch oder pazifistisch war. Vor den Menschen wurden Bücher verbrannt. Die Werke von 94 deutschen und 37 ausländischen Autoren. Darunter Brecht, Döblin, Feuchtwanger, Hemmingway, Kästner, Wassermann, Zweig, um nur einige zu nennen. Viele der verfemten Autoren gingen daraufhin ins Exil.

Eine Erfahrung aus dieser Zeit ist der hohe Stellenwert, den die Freiheit der Kunst - und die Meinungsfreiheit allgemein - heute im Westen genießen. Die Empörung z.B. über die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie oder über die Bedrohung, der sich die Autorin Ayaan Hirsi Ali ausgesetzt sieht, spiegelt dies wieder.

„Verbrennt mich!“ Unter diesem Titel veröffentlichte Oskar Maria Graf, dessen Werke zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf der Liste standen, am 12. Mai 1933 in der Wiener Arbeiter-Zeitung einen Aufruf an die Nazis, in dem er sich mit den verfolgten Autoren solidarisch erklärte: „Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen“. *

Bei den Bücherverbrennungen des Jahres 1933 handelte es sich allerdings nicht, wie vielfach angenommen, um eine Aktion der NS-Partei oder des Propaganda- ministeriums, sondern um eine von Studenten geplante und durchgeführte. Bereits Anfang April 1933 rief die Deutsche Studentenschaft dazu auf, sich an einer vierwöchigen „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu beteiligen. Die Aktion erfolgte unter Berufung auf die Bücherverbrennung während des ersten Wartburgfestes 1817, die wiederum an Luthers Tat 300 Jahre zuvor erinnern sollte. Luther hatte sich in seinen Spätschriften zu einem ausgesprochenen Judenfeind entwickelt. Etwas, worauf sich dann NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg und Julius Streicher oft berufen haben. So schrieb Luther 1543 unter anderem in „Von den Jüden und iren Lügen“ einen sogenannten „Sieben-Punkte-Plan zum Umgang mit den Juden“:

Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. – Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande. – Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird. – Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren. – Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe. – Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren. – Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen“.

Zu Recht wirkt dies heutzutage wie ein mittelalterlicher Vorläufer zu einigen Maßnahmen der Nazis gegenüber Juden. Die Bücherverbrennungen des 3. Reichs kamen also nicht aus dem Nichts über die Deutschen, sondern wurden von den Akteuren selbst in eine Kontinuität einer ganzen Kette von Ereignissen gestellt. Wobei diese auf den ersten Blick nicht erkennbaren Verbindungen mit dem Untergang des Faschismus in Deutschland noch lange kein Ende fanden.

Denn auch zwischen den studentischen Bewegungen vor bzw. während des Nationalsozialismus und denen der 68er scheinen vielfache Gemeinsamkeiten zu bestehen, wie dies der Historiker Götz Aly in seinem aktuellen Buch „Unser Kampf“ beschreibt. „Die revoltierenden Kinder der 33er“ so Aly, „waren ihren Eltern und Großeltern – jener Generation, die die Machtübernahme der Nazis bejubelten oder unterstützten – auf elende Weise ähnlich“. Die 68er seien der nationalsozialistischen „Generation von 1933“ viel ähnlicher, als diese dies selbst wahrnehmen wollen.

Die Kontinuität der „Bewegung“ von 1938 zur 68er Studenten-Bewegung zeigt sich dabei nicht nur in der heute kaum mehr nachvollziehbaren Verehrung totalitärer Regierungsformen, seien sie nun national-sozialistisch oder international-sozialistisch (UdSSR) orientiert. Auch die Anerkennung von Gewalt als Mittel in der politischen Auseinandersetzung bis hin zum Terrorismus, der Antiparlamentarismus, die betont antiwestliche Einstellung, der Antiamerikanismus und der latente Antisemitismus ziehen sich wie eine Linie von den rechten Vätern im Dritten Reich bis zu den „linken“ 68er Söhnen.

Es waren schließlich die 68er, die in der, durch ein deutsch-palestinensisches Kommando nach Entebbe entführten, Air-France-Maschine alle Passagiere nach ihrer Rassenzugehörigkeit in jüdische und nicht-jüdische selektierten. Erst heute wird immer deutlicher, dass auch im Inneren so mancher “links-revolutionärer” Apologeten das Denken der Väter weiter wirkte. Die Begeisterung Ulrike Meinhofs (und anderer “Linker”) im Jahre 1972 für den palestinensischen Überfall auf die israelische Olympiamannschaft steht hierfür nur exemplarisch.

Eine tatsächliche Aufarbeitung des nationalsozialistischen Erbes und seiner gesellschaftlichen Kontinuität steht also immer noch aus.

*Ein Jahr später, 1934, wurden dann auch die Bücher Oscar Maria Graf`s verbrannt und seine Werke verboten. Über die Tschechoslowakei, Moskau und die Niederlande musste er mit seiner späteren Frau, der Jüdin Mirjam Sachs, in die USA fliehen, wo er 1957 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt.


weiterführende Informationen:

Chronologie des Holocaust” von Knut Mellenthin

Podcast: “Kinder der Machtergreifung”, eine Diskussion mit Götz Aly über die Thesen seines Buches.


Erstellt am Samstag 10. Mai 2008
Unter: Gesellschaft, Global, Kultur | 6 Kommentare »