„Verbrennt mich!“

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Heute, vor 75 Jahren, am 10. Mai 1933, wurden in Berlin und anderen deutschen Städten öffentliche Bücherverbrennungen inszeniert. Dabei wurden die Werke verfemter Autoren spektakulär und öffentlich ins Feuer geworfen. Es war der Beginn der Ausgrenzung in Nazideutschland gegen alles, was links, jüdisch oder pazifistisch war. Vor den Menschen wurden Bücher verbrannt. Die Werke von 94 deutschen und 37 ausländischen Autoren. Darunter Brecht, Döblin, Feuchtwanger, Hemmingway, Kästner, Wassermann, Zweig, um nur einige zu nennen. Viele der verfemten Autoren gingen daraufhin ins Exil.

Eine Erfahrung aus dieser Zeit ist der hohe Stellenwert, den die Freiheit der Kunst - und die Meinungsfreiheit allgemein - heute im Westen genießen. Die Empörung z.B. über die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie oder über die Bedrohung, der sich die Autorin Ayaan Hirsi Ali ausgesetzt sieht, spiegelt dies wieder.

„Verbrennt mich!“ Unter diesem Titel veröffentlichte Oskar Maria Graf, dessen Werke zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf der Liste standen, am 12. Mai 1933 in der Wiener Arbeiter-Zeitung einen Aufruf an die Nazis, in dem er sich mit den verfolgten Autoren solidarisch erklärte: „Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen“. *

Bei den Bücherverbrennungen des Jahres 1933 handelte es sich allerdings nicht, wie vielfach angenommen, um eine Aktion der NS-Partei oder des Propaganda- ministeriums, sondern um eine von Studenten geplante und durchgeführte. Bereits Anfang April 1933 rief die Deutsche Studentenschaft dazu auf, sich an einer vierwöchigen „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu beteiligen. Die Aktion erfolgte unter Berufung auf die Bücherverbrennung während des ersten Wartburgfestes 1817, die wiederum an Luthers Tat 300 Jahre zuvor erinnern sollte. Luther hatte sich in seinen Spätschriften zu einem ausgesprochenen Judenfeind entwickelt. Etwas, worauf sich dann NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg und Julius Streicher oft berufen haben. So schrieb Luther 1543 unter anderem in „Von den Jüden und iren Lügen“ einen sogenannten „Sieben-Punkte-Plan zum Umgang mit den Juden“:

Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. – Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande. – Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird. – Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren. – Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe. – Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren. – Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen“.

Zu Recht wirkt dies heutzutage wie ein mittelalterlicher Vorläufer zu einigen Maßnahmen der Nazis gegenüber Juden. Die Bücherverbrennungen des 3. Reichs kamen also nicht aus dem Nichts über die Deutschen, sondern wurden von den Akteuren selbst in eine Kontinuität einer ganzen Kette von Ereignissen gestellt. Wobei diese auf den ersten Blick nicht erkennbaren Verbindungen mit dem Untergang des Faschismus in Deutschland noch lange kein Ende fanden.

Denn auch zwischen den studentischen Bewegungen vor bzw. während des Nationalsozialismus und denen der 68er scheinen vielfache Gemeinsamkeiten zu bestehen, wie dies der Historiker Götz Aly in seinem aktuellen Buch „Unser Kampf“ beschreibt. „Die revoltierenden Kinder der 33er“ so Aly, „waren ihren Eltern und Großeltern – jener Generation, die die Machtübernahme der Nazis bejubelten oder unterstützten – auf elende Weise ähnlich“. Die 68er seien der nationalsozialistischen „Generation von 1933“ viel ähnlicher, als diese dies selbst wahrnehmen wollen.

Die Kontinuität der „Bewegung“ von 1938 zur 68er Studenten-Bewegung zeigt sich dabei nicht nur in der heute kaum mehr nachvollziehbaren Verehrung totalitärer Regierungsformen, seien sie nun national-sozialistisch oder international-sozialistisch (UdSSR) orientiert. Auch die Anerkennung von Gewalt als Mittel in der politischen Auseinandersetzung bis hin zum Terrorismus, der Antiparlamentarismus, die betont antiwestliche Einstellung, der Antiamerikanismus und der latente Antisemitismus ziehen sich wie eine Linie von den rechten Vätern im Dritten Reich bis zu den „linken“ 68er Söhnen.

Es waren schließlich die 68er, die in der, durch ein deutsch-palestinensisches Kommando nach Entebbe entführten, Air-France-Maschine alle Passagiere nach ihrer Rassenzugehörigkeit in jüdische und nicht-jüdische selektierten. Erst heute wird immer deutlicher, dass auch im Inneren so mancher “links-revolutionärer” Apologeten das Denken der Väter weiter wirkte. Die Begeisterung Ulrike Meinhofs (und anderer “Linker”) im Jahre 1972 für den palestinensischen Überfall auf die israelische Olympiamannschaft steht hierfür nur exemplarisch.

Eine tatsächliche Aufarbeitung des nationalsozialistischen Erbes und seiner gesellschaftlichen Kontinuität steht also immer noch aus.

*Ein Jahr später, 1934, wurden dann auch die Bücher Oscar Maria Graf`s verbrannt und seine Werke verboten. Über die Tschechoslowakei, Moskau und die Niederlande musste er mit seiner späteren Frau, der Jüdin Mirjam Sachs, in die USA fliehen, wo er 1957 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt.


weiterführende Informationen:

Chronologie des Holocaust” von Knut Mellenthin

Podcast: “Kinder der Machtergreifung”, eine Diskussion mit Götz Aly über die Thesen seines Buches.


6 Kommentare zu “„Verbrennt mich!“”

  1. Fragezeichner sagt:

    Die RAF sind nicht die 68er, auch wenn die RAF aus den 68ern hervorgegangen sein mag. Ich habe das Buch von Aly nicht gelesen, ihn aber vor ein paar Wochen in einer Diskussion erlebt, da wirkte er nicht, als könne er seine Thesen glaubhaft verteidigen. Man kann allesmögliche miteinander vergleichen - um den Preis, die wichtigen Unterschiede unter den Tisch fallen zu lassen. Einer ist die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der 68er-Bewegung, gerade was das Verhältnis zu Authorität und Gewalt betrifft.

  2. Aki Arik sagt:

    @ Fragezeichner:
    Deinem Kommentar möchte ich gar nicht widersprechen und teilweise kann ich dem sogar zustimmen. Mir ging es in diesem Beitrag aber nicht darum, die RAF und die 68er gleichzusetzen, sondern darum, die Kontinuität und Wirkungsmächtigkeit von bestimmten Auffassungen aufzuzeigen.
    Und - ich wende mich gegen die Behauptung der 68er, dass diese Gedanken-Kontinuität seit 68 und durch die 68er zu einem Ende, und es damit zu einem echten Neuanfang gekommen wäre. In meinem Beitrag über „linken Antisemitismus“ habe ich dies schon einmal versucht darzustellen. D.h. meine Meinung, und diese glaube ich auch in den Ausführungen von z.B. Götz Aly, Gerd Koenen oder Avi Primor bestätigt zu sehen, ist, dass die 68er einiges an Gedankengut aus der Nazizeit aufgehoben haben. Und zwar in der doppelten Bedeutung dieses Wortes: aufgehoben im Sinne von „wegräumen“, „überwinden“, aber eben auch im Sinne von „aufbewahren“. Darum finde ich die Thesen, die ja nicht nur Aly in seinem Buch vertritt, wichtig und richtig. Dies weniger aus einer theoretischen Auseinandersetzung damit, sondern vor allem aufgrund von ganz persönlichen Beobachtungen und Erlebnissen.
    Außerdem hat mich schon immer eine bestimmte autoritär-antiautoritäre Haltung gestört. Ein Gefühl, das gebe ich zu, trotzdem ist dies mein Empfinden bis heute.
    Ich behaupte, es gibt in Deutschland noch immer ein Demokratie-Defizit, und hiermit meine ich ausnahmsweise mal nicht Schäuble, sondern eine immer noch weit verbreitete unterschwellige antiparlamentarische, antidemokratische, antiwestliche Grundtendenz. Meiner Meinung nach verhindert genau die von den 68ern in den Mainstream übernommene Selbstgerechtigkeit und Selbstgewissheit - sie seien das „Gegenmodell zur Nazizeit“, und hätten damit dieses Erbe mit der „68er-Revolution“ endgültig hinter sich gelassen - eine Weiterentwicklung der Gesellschaft hin zu mehr Selbstreflexion. Der Hauptpunkt, bei dem es mir dabei geht, ist, dass eine tatsächliche und tiefer gehende Aufarbeitung des national-sozialistischen Erbes und seiner gesellschaftlichen Kontinuität immer noch aussteht. Die 68er haben genau dies eben gerade nicht geleistet. Im Gegenteil, wir sind, die Gesellschaft als Ganzes, und vor allem jeder Einzelne immer noch am Anfang dieses Prozesses.

  3. Fragezeichner sagt:

    Die 68er haben natürlich keinen Neuanfang und auch keinen Bruch der Gesellschaft erreicht (angesichts mancher ihrer Ziele möchte man sagen: glücklicherweise), sondern wurden im Laufe der Jahre von der Gesellschaft demokratisiert und selbst verändert. Aber wie soll das auch gehen? Kein Mensch kann seine Erziehung, seine Erfahrungen, seinen geschichtlichen Kontext abschütteln. Der 68er-Generation bleibt das Verdienst, dass sie eine Aufarbeitung zumindest angestossen haben, dass sie den Dialog gesucht haben, dass sie die Dinge beim Namen genannt haben, dass sie neue Wege gehen wollten. Ich sehe sie nicht als Hindernis einer tiefer gehenden Aufarbeitung, die andere Generationen leisten müssen. Sie waren nicht so bedeutend wie sie selbst glauben und wie sie durch die ständige Verteufelung seit nunmehr 40 Jahren auch selbst glauben müssen.

  4. Michael Kostic sagt:

    Hallo ihr beiden Evolutzer :-)

    ist euch mal der Gedanke gekommen, das es hier von bestimmten o.g. Dingen nicht noch immer zu viel, sondern von viel entscheidenderen Dingen viel zu wenig gibt?

    Man mag von den Völkern dieser Welt halten was man will, aber was die meisten von ihnen am Ende aller Dinge dennoch in sich eint, sind ihre selbst definierten gesellschaftlichen Werte/Bräuche/Rituale etc.!

    Was davon hat ein Deutscher, darf er zum seelischen Selbsterhalt noch offen ausleben?

    Oder anders herum gefragt: Was hat er nicht, was darf er nicht?

    Wie war das gleich mit Sprüchen wie z.B. diesem?

    „Wer zweimal mit dem Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment!“

    Sachlich betrachtet erscheint es mir immer mehr so, als sei Damals einem ganzen Volk der (vermutlich verdorbenen) Rest seiner Identität zerstört/verboten worden. Wohlgemerkt ohne das hierdurch zwingend entstehende Ideologievakuum, durch irgendeine lebbare neue/neuartige Substanz zu ersetzen.

    An der Behauptung festzuhalten Menschen könnten auch ohne jedwede Ideologie ihrem Leben einen Sinn/Zweck geben, ist genau so kindisch wie der o.g. Spruch.

    Ein Leben ohne Inhalt, ohne Ziel, ohne Zweckgedanke, wie soll das gehen?

    Gruß

  5. Aki Arik sagt:

    @Michael:
    sehr wichtig und zukunftsweisend finde ich deine Hinweise: “was Gemeinschaften eint, sind ihre Rituale” und “Ein Leben ohne Ziel, wie soll das gehen?” !
    Und - wer weiß, vielleicht ist ja diese “neue lebbare Substanz” gar nicht mehr so weit ! ;-)

    @Fragezeichner:
    du lebst doch, soweit ich es aus deinen Beiträgen entnehmen kann, in Frankreich, oder? Gibt es dort eigentlich eine vergleichbare Diskussion über die 68er und was denkt man dort über die Thematisierung in Deutschland? Das würde mich interessieren.

  6. Fragezeichner sagt:

    @Aki Arik: ja, die Diskussionen gleichen sich. Die Pariser Unruhen im Mai 68 haben Frankreich so sehr in Angst und Schrecken versetzt, dass einige Industrielle nach dem Tod Präsident de Gaulles ein Jahr später aus Angst vor einer kommunistischen Revolution zeitweilig in die Schweiz emigriert sind. Die Vorwürfe heute sind die gleichen: Krawaller, über’s Ziel hinausgeschossen, keine ernsthaften Ziele, um sich selbst kreisend, Opportunisten, Sozialromantiker, … Im Gegensatz zu Deutschland hat mit den 68ern in Frankreich keine Aufarbeitung der Rolle Frankreichs im 2.Weltkrieg begonnen (was man als Land, das angegriffen wurde, wohl auch nicht für nötig hielt). Es gibt nicht wenige in Frankreich, die die Deutschen für ihre Aufarbeitung der Nazi-Epoche und auch die Einstellung zum eigenen Land als Vorbild sehen.
    Eltern eines Kollegen von mir waren 68-Aktivisten. Ich werde ihn mal ein bisschen ausquetschen und mich nochmal melden…

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