Diaspora oder Integration?

sail-away.jpg

Die Globalisierung sprengt die Grenzen von Raum und Zeit. Ihre Dynamik führt zu einem zunehmend grenzenlosen Dasein. Die klare Einteilung der Welt in Nationalstaaten zerbröckelt …

Das Ende des Nationalstaates?

Die moderne Arbeitswelt - aber auch die selbst gesuchte Flexibilität und Mobilität - erzwingen, und ermöglichen es zugleich, in einem Leben an ganz unterschiedlichen Orten zu Hause zu sein. Trotzdem beziehen wir nach wie vor einen Teil unserer Identität aus dem Nationalstaatskonzept vergangener Jahrhunderte. Unsere Kultur verfügt noch über keine Identitätsangebote für das Leben moderner Nomaden, einem Leben in der Diaspora.

Wie könnte aber so eine neue, postnationale Identitätskultur aussehen? Gibt es Verbindungen, Gefühle und auch Solidarität zwischen den verstreuten Menschen eines Staates, die sich in verschiedenen Ländern niedergelassen haben – und wie lange hält diese Verbindung an? Fühlt man sich noch zusammengehörig, obwohl man nicht mehr am selben Ort, in einem Land, zusammen lebt? Kann Diaspora ein modernes Lebensmodell mit nicht-territorialer, überstaatlicher Netzwerkidentität werden? Sind Internet, Sateliten-TV, Skype, o.ä. eine Chance für diese Netzwerkidentität, oder wird der Druck zur Integration, zur Assimilation, der Druck sich anzugleichen an die umgebende Mehrheitsgesellschaft, irgendwann zu stark? Diaspora als eine Alternative zu einem überkommenen und traditionellen Lebensstil - mit einer imaginierten, virtuellen, geistigen Heimat, wo auch immer man lebt? Diaspora als Gemeinschaft über staatliche Grenzen hinweg. Als eine erfolgreiche Form kollektiver Identität, ein Zugehörigkeitsgefühl von Menschen der gleichen Herkunft oder des gleichen Lebensstils.

Niederlassungsfreiheit

Die Welt sollte endlich Abschied nehmen von der Idee des Nationalen“, Amos Gitai

Warum auch sollte nicht jeder Mensch das Recht und die Freiheit haben, an jedem Ort in der Welt zu leben, an dem er es will? Es ist schon schizophren: in den Aufnahmestaaten wird von Einwanderern Integration gefordert. Auf der anderen Seite wird es positiv gesehen, wenn die eigene Kultur im „fremden Land“ weiter gepflegt wird. Der Einwanderer soll sich so unauffällig wie möglich integrieren. Bloß nicht auffallen. Einwanderer sollen ihre bisherigen Herkunftsidentitäten spätestens in der zweiten Generation vergessen. Vom Auswanderer wird hingegen erwartet, dass er weiter zu der eigenen Kultur steht. Wer als Migrant seinen „way of life“ behalten möchte, wird als Integrations- und Assimilationshindernis angesehen. Die Bewahrung der eigenen Identität führt dann zum Vorwurf der „Parallelgesellschaft“. Was spricht eigentlich gegen eine individuelle Wahlfreiheit bei der Entscheidung über Identität und Staatszugehörigkeit?

Demokratie im Post-Nationalismus

Ist es wirklich vereinbar mit unserer Vorstellung von Demokratie, dass Millionen von Menschen, die mit uns leben und arbeiten, konsumieren und Steuern zahlen, von jeglicher Mitbestimmung am politischen Prozess ausgeschlossen sind? Mit nichts können derzeit größere Ressentiments und Vorurteile geweckt werden, wie mit den Diskussionen um den Bau neuer Moscheen. Gilt Religionsfreiheit nur dann, wenn sie unsichtbar bleibt? Dubiose „Bürgerinitiativen“, wie „Pro Köln“ mobilisieren gegen den Islam. Die Rechtsextremen finden damit auch in der Bevölkerung Zustimmung. „Die Kirche soll im Dorf bleiben, die Moschee in Istanbul“, so ein Wahlplakat der letzten Woche. Der Rechtsruck in Österreich nach den Nationalratswahlen ist auch eine Folge solcher Parolen gegen Einwanderer wie „Asylbetrug heißt Heimatflug“. Die von Rechtspopulisten geforderte Rückentwicklung zum ethnischen Nationalstaat soll die Welt wieder einfach und überschaubar machen. Der populistische Nationalismus kann freilich die Zeit nicht zurückdrehen. Denn Tatsache ist, dass die alte Ordnung der Nationalstaaten durch den Prozess der Globalisierung, durch Migration und die Forderungen von Minderheiten nach Selbstbestimmung in eine Krise geraten ist. Was unsere Gesellschaft braucht sind keine untauglichen, rückwärtsgewandten Parolen, sondern moderne Formen transnationaler Demokratie.

Photo © Doblonaut

2 Kommentare zu “Diaspora oder Integration?”

  1. Fragezeichner sagt:

    > Wie könnte aber so eine neue, postnationale Identitätskultur aussehen?
    Gute Frage. Der Nomade könnte auf all seinen Stationen etwas Kultur aufnehmen und weiterpflegen (so wie ich in Südfrankreich immer mal wieder Schweinebraten mit Knödeln zubereite). Das Internet liefert dem Nomaden die Informationen aus der ganzen Welt, aber auch die lokalen Neuigkeiten, Amazon liefert ihm die Bücher und Musik. Ich bin aber skeptisch, ob das ewige weiterziehen auf Dauer ohne Identitätsverlust möglich ist.
    Wer nicht lange genug an einem Ort bleibt, wer keine Wurzeln zieht, keine echten Freunde gewinnt, der lebt in die Breite und nicht in die Tiefe. Derjenige, für den Veränderung immer nur Ortswechsel, Arbeitswechsel, Umfeldwechsel bedeutet, dem fehlt der Sinn für die Veränderung - Veränderung von Städten, von Menschen, von Beziehungen, von Stimmungen, und damit auch der Sinn für die eigene Veränderung - und damit seiner eigenen Identität.

  2. Lara sagt:

    @Fragezeichner:
    Ja genau, das ist es - die eigenen Wurzeln irgendwo haben!
    Ich habe vor einigen Tagen den neuen Artikel gelesen und seitdem darüber nachgedacht, wofür ich eigentlich bin:

    Vordergündig - ganz und gar f ü r Einwanderer und Völkervermischung. Hintergründig war mir etwas unwohl zumute und ich wusste nicht warum. Ich hänge mit meinem Herzen an der Region, in der ich geboren bin, obwohl auch mein Vater kein Deutscher war und ich das Gefühl (ein ganz klein wenig) kenne, zwei “Nationalitäten” d.h. eigenltich zwei Mal Liebe zu einem Land zu haben. Das Land meines Vaters kenne ich nur aus seinen seeeehr mageren Erzählungen, er wollte mich davon fernhalten und hat es doch selbst geliebt. Aber was denn, was hat er da geliebt, woran hing er? Ich denke, auch da spielt die Region, das Ackerland, die Religion, die Literatur, einfach die “Kultur” eine Rolle.

    Letztlich bin ich für das Beibehalten von Regionen (dass es Nationalstaaten sein müssen, will ich damit nicht unbedingt sagen, ich kann mir nur keine andere Lösung vorstellen - vielleicht gibt es die mal in der Zukunft?). Ich bin für die eigene Sprache und ihre Pflege in Literatur, Theater usw., bin für die eigene Kultur einschl. Essen, Musik, Schule …

    Gleichzeitig bin ich aber ganz und gar offen für Fremde. Da ich Deutschkurs in einer Asylgruppe gebe, weiß ich wie schwierig “Integration” sein kann, da spielen auch andere Religionen eine große Rolle. Wie soll man z.B. Yeziden integrieren können, wenn die Religion - so verstehe ich das jedenfalls - Abschottung von anderen Kulturen vorschreibt (z.B. eigene Friedhöfe, Verheiratung nur mit eigenen Leuten usw.)
    Und doch sind das sehr liebe Menschen (ich habe hier mit vertriebenen Irakern zu tun), mit denen man sich sehr wohl sehr gut unterhalten kann - in der Weltsprache Englisch!

    Eine gemeinsame Sprache hilft also auch sehr sich zu verstehen, ob des die eigentliche Sprache ist oder die Sprache des Herzens. Und da fällt mir ein - was ist eigentlich die “Sprache des Herzens”? Kommt die nicht aus unserer christlichen Kultur?
    (auch wenn das Christentum von den kirchlichen Institutionen arg für eigene Zwecke verfälscht wird)

    Auch diese Kultur möchte ich bei aller Offenheit gegenüer anderen Religionen bewahrt sehen. Bin ich egoistisch? Traue ich anderen Religionen nicht? Ich weiß nicht recht, wieviel von Islamhetze letztlich doch an mir hängen bleibt und eine kleine Angst verursachen kann. Ich weiß aber, dass viele Moslems ähnlich denken wie ich, und nehme deshalb an, das westliche Bild des Islam wird viel von den Fundamentalisten a l l e r Religionen geprägt, die sich Felder suchen, auf denen sie sich behaupten wollen.

    Absolute Integration finde ich nicht nötig, fremde Kulturen bringen auch viel Gutes ins Land! Ehrlich gesagt, wenn ich’s auch nicht mit Kirchgängen tue, als Christin fühle ich mich doch.
    Und möchte die “Liebe” (bedeutet für mich: Weltoffenheit und Offenheit gegenüber Menschen) der westlichen Kultur nicht missen. Zu zwiespältig?

    Auf in eine neue Welt mit vielen Regionen und Kulturen, die sich gegenseitig achten, sich vermischen und wo sich Kulturen/Religionen gegenseitig befruchten!

Kommentar schreiben

XHTML: Sie können diese Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>