Werdet gewissenlos!

Dies wird hier jetzt allerdings kein Aufruf, es manchen Bankern und Top-Managern gleich zu tun. Kein zynischer Macchiavelli-Ratgeber für Zeiten, in denen der Ehrliche der Dumme ist. Nein, es geht mir um die Frage: “Kann es vielleicht auch ein zuviel an Gewissen geben?”
Was ist eigentlich „Gewissen“? Im Internet findet man da schnell die gängigen Vorstellungen:
In der modernen Soziologie und Gesellschaftstheorie z.B. eines Niklas Luhmann wird das Gewissen zu einer Funktion im Dienste der individuellen Identitätsbildung. “Dem dient, wie gesagt, das Gewissen. Genau so versteht auch die Alltagsintuition dessen Rolle, wenn man sagt, man müsse doch noch morgens in den Spiegel sehen können, um zu prüfen, ob man noch derselbe oder was aus einem geworden sei. Das Gewissen stellt die in die Zukunft gerichtete Frage, was aus mir werden soll, und blickt in die Vergangenheit auf das, was aus mir geworden ist.”
Nach diesen Theorien hat Gewissen die Funktion die Kontinuität des eigenen Ichs über die Zeit – über das Gestern, Heute, Morgen - sicher zu stellen. Gewissen als eine Sache des einzelnen Menschen, des Individuums mit sich selbst.
Oft wird das Gewissen auch bezeichnet als der innere Mahner. Eine innere Stimme. Das Gewissen sagt uns dann, was richtig oder falsch ist. Die moralische Fähigkeit zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Eine Art transzendenter Instanz, die sich meldet, wenn unser Egoismus uns zu etwas verleiten will, was den Verboten und Geboten dieser Instanz widerspricht. Es spräche nicht unsere eigene, egoistische Stimme zu uns, sondern die einer sittlichen Verpflichtung. Nach Immanuel Kant meldet sich hier eine allgemeine, über dem einzelnen Menschen stehende, Instanz. Ein kategorischer Imperativ. Absolut und überall, und vor allem zu jedem Menschen zu allen Zeiten gleich.
So weit scheint alles klar. Demnach wäre es moralisch gut, immer auf sein Gewissen zu hören.
Genau das bezweifele ich und möchte es in Frage und zur Diskussion stellen.
Folgende Beobachtungen haben mich dazu veranlasst:
Herman Göring, der in alle Verbrechen des Nazi-Regimes tief verstrickt war und zu einem der skrupellosesten Gefolgsleute Hitlers wurde, war einer der erwiesenermaßen Verantwortlichen für die sog. „Endlösung der Judenfrage“. In den Nürnberger Prozessen stritt er allerdings jede Verantwortung dafür ab.
Josef Mengele, KZ-Arzt im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und verantwortlich für die Ermordung von ca. 40.000 Menschen hat bis zuletzt keine seiner Taten bereut.
Der mutmaßlicher NS-Kriegsverbrecher Ašner, dem die Vertreibung jüdischer Familien und die Deportation von Hunderten Serben ins KZ während des Zweiten Weltkrieges vorgeworfen werden, meinte dazu: “Ich habe ein reines Gewissen”.
Zugleich werden nicht wenige Nazis und Kriegsverbrecher zugleich als liebevolle Väter geschildert, die sich um ihre Frauen und Kinder gekümmert haben. Gerade dieser Widerspruch zwischen dem menschenverachtenden Verbrecher und dem fürsorgenden Familienvater verwirrt.
Das größte Kriegsverbrechen in Europa seit 1945 ereignete sich in Srebrenica. In dieser ostbosnischen Stadt waren im Juli 1995 bis zu 8000 muslimische Männer und Jungen von Serben ermordet worden. Das UNO-Tribunal, das die brutale Ermordung von Muslimen aus Srebrenica durch eine serbische Einheit belegt, sollte in der Republik Serbien ein Umdenken auslösen. Aber das Gegenteil passierte: Viele Serben sehen sich immer noch als die eigentlichen Opfer und zeigen keine Reue über die Taten der Vergangenheit.
Die heutige Antwort auf die Frage nach der Ursache solcher Verbrechen ist eindeutig: In allen diesen Fällen sieht man in den Tätern Menschen, die, ohne auf ihr Gewissen zu hören, die schlimmsten Verbrechen begehen.
Sind die Täter gewissenlos? Oder ist es vielleicht genau umgekehrt: sind diese Täter Menschen mit einem zu stark ausgeprägtem Gewissen?
Die Beantwortung der Frage in die eine oder die andere Richtung ist entscheidend dafür, wie zukünftig solche Verbrechen verhindert werden können. Wenn die folgenden Gedanken richtig sind – und mir erscheinen sie überzeugend - werden wir alle unsere bisherigen Überlegungen zur Gewaltprävention ändern müssen.
Gewissen als allgemeingültige transzendentale Moral-Instanz, die sich bei allen Menschen in gleicher Weise meldet - das lässt bei mir zu viele Fragen offen. Ich glaube nicht, dass Menschen die z.B. für eine vermeintlich gerechte Sache kämpfen oder töten, kein Gewissen haben. Sie machen dies, weil sie davon überzeugt sind und es richtig und gut finden. Ihr Handeln steht völlig im Einklang mit ihrem Gewissen. Ein schlechtes Gewissen haben sie vielleicht eher dann, wenn sie sich nicht voll und ganz für die Ideale ihrer Gruppenideologie einsetzen. Ihr Gewissen (ein aus humanistischer Sicht freilich falsches, verqueres Gewissen) ist sogar zu stark ausgeprägt. „Werdet gewissenlos! Werdet dieses Gewissen los“, das wäre der richtige Appell an die Menschen, die sich zu sehr einem äußeren Gruppendruck unterwerfen.
Könnte es also nicht in Wirklichkeit so sein, dass es neben dem universalen auch ein Gewissen gibt, das uns mit unserer Gruppe, Familie, Nation u.s.w. verbindet und bestimmte Handlungen von uns fordert. Das fordert, was dem Lebens- und Existenzwillen dieser Gruppe dient? Dieses Gewissen sagt uns nicht, was allgemein menschlich gut ist, sondern das, was die Gruppe am Leben erhält. Anders sind für mich bestimmte Vorgänge im Nahen Osten, im ehemaligen Jugoslawien, in Ruanda nicht zu erklären.
Dieses Gewissen kann danach nicht als Stimme einer neutralen Moral-Instanz verstanden werden, sondern als Stimme des Gruppen-Ich. Vor allem seit “der eine Gott” als Repräsentant und Projektion einer allgemein menschlichen Moral entthront wurde. „Gott ist tot“, sagt Nietzsche. An seine Stelle, an die Stelle einer alle Menschen - die oikouménē - einschließenden Moral, tritt die Moral und das Gewissen im Interesse einer nationalistischen („für Volk und Vaterland“), fundamentalistisch-religiösen („Gott / Allah will es“), wirtschaftlichen, u.s.w. Gruppe.
Dann käme es freilich nicht allein darauf an, an das Gewissen zu appellieren, sondern schon bei Kindern Individualismus und persönliche Unabhängigkeit gegenüber einem Gruppenzwang zu stärken. Den Menschen wieder bewusst zu machen, Teil einer großen Menschenfamilie zu sein. Und wir bräuchten ein neues säkulares, weil für alle Kulturen und Religionen geeignetes, gemeinsames Symbol. Ein Bild, als dessen Abbild das Gewissen des Einzelnen leben kann.
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Donnerstag 23. Oktober 2008 um 23:46
Hallo, da du es zur Diskussion stellst, möchte ich meine Ansicht dazu schreiben. Du stellst schon sehr viele Teilaspekte nebeneinander, die mit Sicherheit alle ineinander greifen und zum Ganzen führen.
Auch ich habe mich Anfang des Jahres mit diesen Gedanken beschäftigt und dabei versuche ich zu verstehen, was ist in Göhring, Eichmann oder den Massenmördern von heute vorgegangen. Was für Mechanismen wirken da? Sind es Mechanismen, die uns allgemein als Mensch möglich sind, so könnten sie auch in mir zum Ausdruck kommen.
Ich bin zu einer Meinung gekommen, das wir Menschen in der Lage sind, uns unser Recht persönlich immer neu zu erfinden, unabhängig des Rechts, was uns als werdende Menschen in der Gemeinschaft auf den Weg mitgegeben wurde. Das verstehe ich auch unter dem: Wir konstruieren unsere Welt.
Das ganze liegt meiner Meinung nach an dem “positiven Selbstbild”, was wir Menschen von uns immer haben müssen. Ein negatives Selbstbild, also in welchem wir nicht rechtens gehandelt haben, kann solange umargumentiert werden, bis es nach und nach wieder in ein positives Handeln müssen erklärt wird. Das extrem des negativen Selbstbildes wäre, das man nicht mehr des Lebens wert ist, was in allerletzter Konsquenz die Selbsttötung zur Folge hätte.
Ich glaube, weil wir immer Fehler machen werden, die Biologie uns diess Hinwenden zum positiven Selbstbild eingegeben hat.
Würde Göhring in dem Sinne wie wir es seh`n seine Handlungen betrachten, könnte er nicht anders, als Hitler auf seinem gewählten Weg zu folgen.
Dies nicht sehen können ist nach meiner Meinung ein aufgebauter Schutzmechanismus, der das eigene Tun als Rechtens erklärt. Es ist die Alternative zum Selbstmord.
Und so glaube ich auch, das die “ewigen Gestrigen” tatsächlich nicht in der Lage sind, durch die Neuerschaffung ihres Rechtsempfinden, ihre vergangen Taten in einem Unrecht sehen zu können - sonst wären es keine ewig Gestrigen mehr, sondern bereits Beigesetzte auf irgendeinem Friedhof.
Noch viel gäbe es zu schreiben, eins ist mir jedoch dabei klar geworden: Ich werde für mich nie wissen, schaffe ich mir die Welt so, dass ich in den Spiegel schauen kann?
Dieser Kommentar ist glaube ich das beste Beispiel dafür, das alles Konstrukte sind, wie ich sie jetzt und heute brauch, damit ich mit dieser Welt zurecht komme.
Das ist nichts negatives - das ist vielleicht nur so.
Freitag 24. Oktober 2008 um 03:29
Wow! Da hast Du ja ganz schön gewürfelt…
Was zunächst widersprüchlich klingt, ist schlussendlich in Summe eng miteinander verwoben.
Das was Du hier beschreibst würde ich als sozialpragmatischen Individualismus deuten. Die wahre Definition des Existentialismus?!.
Verstanden werden muss zuerst (ganz grob vereinfacht) das “Wie funktionieren wir?”. Dies ganz plastisch im Sinne eines Mechanismus “Wie formt sich unser Inhalt, unser Sein?”, bzw. “Welche Wirkung ergibt sich, durch welche Ursache?”. Denn erst daraus ergibt sich das Erkennen des “Wodurch werden wir was?”.
Rein äußerlich beobachtbar ist folgendes: Wir lernen sehr viel mehr “in uns hinein”, als “aus uns heraus”. Unser Gehirn “platziert/verknüpft” die erlebten Informationen automatisch entweder:
- wo gerade Platz ist (Ersterleben),
- in der Nähe sich überschneidender Informationen (vergleichbares/ähnliches Erleben) bzw.,
- direkt bei annähernd identischen Informationen (wiederholtes Erleben).
- Zzgl. einer emotionalen rein individuellen Wertung (zwischen extrem positiv und ebenso negativ).
Anzunehmen ist das mit jedem Erleben dieser Vorgang in unserem Gehirn automatischer und sogar effizienter abläuft. Weshalb wir uns ja auch auf so Nebensächlichkeiten wie das Gehen lernen konzentrieren können. Durch die sehr hohe Automation und Effizienz dieser Funktion tendieren wir jedoch dazu die Welt um uns herum, wie auch uns selbst, mehr und mehr, nicht mehr bewusst/intensiv wahrzunehmen. Ein Topf kochendes Wasser hat daher ab einer bestimmten/ individuell variablen Menge wiederholter erlebter “Platzierungen/Verknüpfungen”, nichts bemerkenswertes mehr an sich. Wann haben wir das letzte mal eine Türklinke angesehen, bevor wir die Hand nach ihr ausstreckten um sie zu drücken?
Oder eben auch: Ab dem wievielten Toten, tritt der Gewöhnungseffekt ein? Und da war das schwierige Wort: Gewöhnung, bzw. Anpassung. Eine weitere Grundfunktion die uns nicht nur zu dem macht was wir gerade Jetzt sind, sondern uns auch dazu befähigt aktuell unsägliche Grausamkeiten auszulösen, zu ertragen, zu akzeptieren, zu tolerieren, anzustoßen umzusetzen etc. pp.!
Und dennoch benötigen wir diese Funktion, denn ohne sie gäbe es keine Form des individuellen. Des einzigartigen, in alle erdenklichen Richtungen des Sein.
Und also sollten wir erkennen das die Gewöhnung, die Anpassung der Feind der Freiheit sein muss. Doch wie sollen allein in Deutschland 83 Millionen Menschen dies Leben? Durch die Verbindung von Egoismus und Altruismus? Z.B. in dieser Art?:
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“Wer mir u./o. Anderen vorsätzlich bzw. wiederholt fahrlässig erkennbaren Schaden zufügt, darf nicht Teil unseres Lebens, Schaffens wie Wirkens sein!”
Freitag 24. Oktober 2008 um 09:51
Hallo Michael, das sehe ich auch so wie du mit der Gewöhnung. Auch bestimmt nur ein Teilaspekt von vielen. Bekannt scheint uns Menschen das schon lange zu sein; denn auf die “Achtsamkeit” als Gegenpol der “Gewöhung” wird immer wieder hingewiesen. Nur auf einmal stellt sich die Frage: Gibt es nichts einfaches, natürliches in uns, das genauso automatisch funtkioniert auf dem “rechten” Weg zu sein, wie es beim Autofahren ist? Muss alles immer erst in viele Einzelteile zerlegt werden, um es dann doch nicht in dieser Menge wirklich leben zu können?
Freitag 24. Oktober 2008 um 15:35
Hallo Menachem,
“Gibt es nichts einfaches, natürliches in uns, das genauso automatisch funtkioniert auf dem “rechten” Weg zu sein, wie es beim Autofahren ist?”

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Natürlich. Dummerweise ist der “rechte” Weg zu extrem von der jeweiligen Situation und dem gegebenen Umfeld abhängig. Und also ist es dieser Automatismus der uns nach Srebrenica oder nach Auschwitz-Birkenau führt
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Das Leben Menachem ist nicht leicht, darf es nicht sein. Darf nicht automatisiert werden. Wir sind eben immer Teil eines großen und Ganzen, immer an allem was geschieht im Ganzen Schuld, in Teilen aktiv in Teilen passiv.
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Es ist der Wunsch der Romantik sich der Realität der verursachenden oder passiven Teilhabe zu entziehen. Ab dem Tag meiner Geburt als denkendes Wesen, lade ich Schuld auf mich. So ist es, so wird es immer sein. Dies ist die Form unserer denkenden Existenz. Es gibt keine denkende Existenz frei von Schuld. Die Frage die wir uns stellen sollten ist lediglich in welchem Ausmaß wir “noch mehr”, über das “normale Maß” hinaus aktiv oder passiv Schuld auf uns laden. Bzw. ob wir dies auch weiterhin geschehen lassen wollen, sobald wir erkannt haben das es sit, wie es ist…
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Erkenne ich z.B. das meine Kinder nur noch mit der Fähigkeit zur Nutzung von Computern ein würdevolles Leben leben können, stehe ich vor der Wahl der Höhe der Schuld. Es liegt in meiner Macht zu entscheiden:
- 1.) ob ich dies einfach “mal so” zur Kenntnis nehme und ansonsten inaktiv bleibe
- 2.) ob ich aktiv meinen Teil dazu beitrage, dass sie dazu in die Lage sein werden
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Nummer 1 beinhaltet die Schuld am Versagen. Nummer 2 die Schuld an den Taten. So gesehen haben wir variable Schuld auf uns geladen als wir entschieden haben, dass das “Lesen und Schreiben” integraler Bestandteil aller Ausbildung sein muss. Wie hätte sich die Geschichte entwickelt wenn Leute wie A.H. dies nie gelernt hätten?
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Wir müssen lernen Technologie von Biologie substanziell zu trennen. Wir sind keine Maschinen, für uns gelten nicht deren Regeln. Wir sind die absolute Anpassung an alle Zustände, im Geschehen der Dinge selbst. Selbst wenn dies nur und einzig auf einen Effekt zurück zu führen ist, den man als Automatismus bezeichnen könnte, bedeutet dies noch lange nicht diesem per maschineller Definition grundsätzlich nachgeben zu müssen.
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Wir müssen lernen das dieser Automatismus in uns existiert, wie er funktioniert und das er integraler Bestandteil unseres Werden wie Seins ist. Wir müssen lernen damit zu leben indem wir ihn bewusst kontrollieren, uns nicht von ihm kontrollieren lassen . Alles andere wird uns immer und immer wieder in Mord, Totschlag und unsäglich Schuld führen.
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Geben und Nehmen Menachem, auch an dieser Stelle
Freitag 31. Oktober 2008 um 11:39
Gewissen muss von Überzeugung und Gewissheit unterschieden werden: Überzeugung wird rational begründet, Gewissen meldet sich ungefragt, unbegründet, und kann durch Rationalität nicht bekämpft werden.
Das, was Massenmörder antreibt, ist nicht das Gewissen, sondern die Gewissheit, das richtige / notwendige zu tun. Sie tun das auch gegen ihr Gewissen, wenn sie denn eines haben oder hatten.
Um ein liebevoller Familienvater zu sein, benötigt man kein Gewissen, denn Gewissen bezieht sich nie auf einzelne andere Menschen, sondern immer nur auf mich selbst und meine Handlungen, während liebevoll sein sich aus dam Gefühl, das ich einzelnen anderen Menschen gegenüber habe, ergibt. Da gibt es gar keinen Widerspruch. Nur unsere Idealvorstellung vom Guten Menschen, der Liebevoll und voller gewissen zugleich ist, mischt das zusammen.
Donnerstag 6. November 2008 um 19:26
@Menachem,
freut mich, dass ich dich immer öfter hier antreffe
Ich sehe das ähnlich wie du: die Frage, die sich den meisten Menschen spontan stellt, ist: „Was ist in Göring oder Eichmann vorgegangen. Was für Mechanismen wirken da?“
@Michael,
danke für deinen anerkennenden Kommentar. Ganz wichtig erscheint mir dein „Verstanden werden muss zuerst das “Wie funktionieren wir?”.“ Individuell gesehen als ein „Erkenne dich selbst“ und auf die immer weiter zusammenwachsende Menschheit bezogen: „wie ticken wir als soziale Wesen?“
@Jörg,
danke für deinen Kommentar, in dem du meiner Meinung nach in eigenen Worten sehr gut die z.Z. gültige Auffassung zu dem Thema dargelegt hast: „was Massenmörder antreibt, ist nicht das Gewissen“, „Sie tun das … gegen ihr Gewissen, wenn sie denn eines haben“. Genau diese, scheinbar selbstverständlichen Annahmen, sind es, die ich mit meinem Beitrag in Frage gestellt habe. Wobei sich mein Artikel explizit nicht auf das Phänomen psychisch gestörter oder krimineller Täter, sondern nur auf solche bezieht, die im Auftrag einer vermeintlich “höheren” Idee handeln, sei diese nun religiös oder politisch begründet.
Mir geht es also um die Frage, wie aus ganz „normalen“ Menschen in kürzester Zeit Täter werden können. Meine Vermutung ist, dass die von mir beschriebenen Täter, entgegen deiner Annahme, sehr wohl ein „gutes“ Gewissen haben. Ja, dass ihr Gewissen sogar zu stark ausgeprägt ist. Und dass genau dieses Gewissen sie zu ihren Taten antreibt.
Ein ganz anderes Anschauungsbeispiel für die Phänomene um das Gewissen sind die aktuellen Ereignisse zur Ministerpräsidentenwahl in Hessen. Ich denke ein jeder kann in sich nachvollziehen, dass die vier Abgeordneten, die sich der Zustimmung verweigerten, in ihrer Entscheidung hin und her gerissen waren (ich nehme das jetzt in meinem Beispiel mal so an, auch wenn viele hier den vier ganz andere Motive unterstellen). Zum einen gab es individuelle Gründe, welcher Art auch immer, nicht mit der Mehrheit zu stimmen. Zum anderen gab es sicherlich ein (wie ausgeprägt auch immer) schlechtes Gewissen, durch dieses abweichende Verhalten der Partei, der Fraktion, der Vorsitzenden, Schaden zuzufügen. “Ich hab in den vergangenen Monaten ein unvorstellbaren Druck erlebt, und einen großen Gewissenskonflikt mit mir ausgetragen. Ich war und bin immer noch zutiefst zerissen…” so Carmen Everts in der Pressekonferenz zu ihrer Entscheidung. Viel ist in diesem Zusammenhang dann von Fraktionsdruck die Rede, dem der Einzelne ausgesetzt sei. Erklärt ist damit aber noch gar nichts. Was mich interessiert ist die Frage, wie und auf welchen inneren Wegen führt äußerer Druck von Gruppen schließlich zu freiwilligem, letztlich sogar bejahtem, eigenem, Handeln der Menschen.
Und das ist dann auch die Quintessenz meines Beitrages: Wir wissen viel zu wenig über die tatsächliche Wirkungsweise von Gewissen. Was es genau ist. Wie es arbeitet und welche Dynamik es entfalten kann. Das einzige, das wir auf diesem Gebiet haben ist ein eher ungeprüftes Halbwissen, vor allem geprägt durch jahrhundertealte kirchliche Kanzelreden. Gewissen scheint sich eben doch nicht „immer nur auf mich selbst und meine Handlungen“ zu beziehen, wie du schreibst, sondern das, was wir Gewissen nennen, ist im Gegenteil die gespürte Erwartung einer Gruppe oder Gemeinschaft.
Es scheint so zu sein, dass wir eben zu unserer Familie - oder zu einer bestimmten anderen Gruppe - eine besonders tiefe Bindung zu spüren in der Lage sind. Wir wollen dann unbedingt dazugehören. Alles, was diese Bindung und Zugehörigkeit fördert, empfinden wir erst einmal als positiv. Und alles, was diese Bindung gefährdet, empfinden wir als Schuld. Dieses innere Empfinden ist das Gewissen. Und wenn das, was diese Bindung fördert, etwas Böses ist, fühlen wir uns trotzdem unschuldig. Und alles das, was diese Bindung gefährdet, erleben wir als Schuld. Auch wenn es objektiv, von außen betrachtet, etwas Gutes ist.
Diese einfache Form des Gewissens ist wahrscheinlich die Urform, der Ursprung dessen, was wir heute Gewissen nennen. Wenn Menschen dies heute anders beschreiben, dann ist dies eher die Folge einer großartigen, jahrtausende alten kulturellen Leistung. Eine Kultur die den Menschen einerseits zu mehr Individualität befreit hat und die andererseits die Gruppe, der wir uns verpflichtet fühlen, letztlich auf die ganze Menschheit, auf die Menschlichkeit an sich, ausgedehnt hat. Aber zugleich eben eine kulturelle und keine natürliche Anlage. Und damit eine Eigenschaft die, wie wir im letzten Jahrhundert gesehen haben, immer in Gefahr ist, auch wieder zerstört zu werden.
Sonntag 9. November 2008 um 11:24
Ja, ich glaube auch, dass als “Gewissen” oft der eigentliche Gruppendruck der Gesellschaft gilt, der den Leuten aber wenn sie von Gewissen sprechen nicht bewusst ist. Dass aber die Entwicklung hin zu mehr Individualität und Eigenverantwortung (auch wieder: Gewissen?) eine Befreiung bringt.
In “Die Brüder Karamasow” im Kapitel “Der Großinquisitor” sagt der Kardinal zu Jesus:
“Aber die Freiheit (vermeintliche?) der Menschen beherrscht nur der, der ihr Geissen beruhigt.”
Ich meine, das ist ein Schlüsselsatz und stimmt mit dem was Aki Arik schreibt überein: Entsprechen die Menschen ihrem -ich nenne es - “Gruppen-Gewissen”, auch wenn dies bedeutet, andere zu quälen und gar zu töten (siehe die vielen Greueltaten in den Kriegen… an den Juden…), glauben sie tatsächlich, dass sie “gut” gehandelt hätten, und fühlen sich “frei” (nicht mißzuverstehen mit dem individuellen Gewissen, das ja viele im und nach dem letzten Weltkrieg zur nachträglichen Verzweiflung brachte).