Ein Quantum Zynismus

Wer - in diesem „There is no Alternative“- Universum - hätte noch vor ein paar Monaten geglaubt, dass ausgerechnet die „weniger Staat, mehr Privat” - Radikalkapitalisten zu den größten Staatshilfeempfängern aller Zeiten mutieren werden - ohne dabei rot zu werden?
Nachdem uns jahrelang der freie, ungesteuerte, staatenlose Markt gepredigt wurde, fordern die gleichen Prediger nun unser Steuer-Geld für stattliche Rettungspakete.
Der Staat - also wir - müssen für die Milliarden bürgen. Denn wir sind ja die Bürger.
- In der Konjunkturkrise hat der Zynismus der Mächtigen Hochkonjunktur -
Während deren Motto lautet: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“, werden wir nun fast täglich mit neuen, noch katastrophaleren Meldungen überschüttet: “die größte Krise seit Bestehen der Bundesrepublik”, so der Deutsche Bank Chefvolkswirt Norbert Walter.
Wer muß da nicht an Naomi Kleins These denken, der Kapitalismus hätte eine neue Stufe erreicht: den “Katastrophen-Kapitalismus”. (Naomi Klein, „Die Schock-Strategie“). Heribert Prantl, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, beschreibt in seinem neuen Buch „Der Terrorist als Gesetzgeber. Wie man mit Angst Politik macht“, wie zynische Politiker das Geschäft mit der Angst betreiben, um den Rechtsstaat in einen Präventionsstaat zu verwandeln, der dem Bürger immer mehr Freiheit nimmt.
Verwunderlich ist auch, dass die Meldungen über die gewaltigen Summen die der Staat - und damit der Steuerzahler - zur Stützung des globalen Finanzsystems aufbringen muß, von den Leuten geschluckt werden, ohne zu Murren. Es gibt keine Demonstrationen, keine Unterschriftenaktion, die die Ablösung von Politikern oder Managern fordert. Die Bevölkerung empört sich höchstens im Stillen.
Jetzt, nach dem das internationale Bankensystem ins Schwanken geraten ist, geben sich nachträglich einige als Kritiker der Systems aus, die in Wahrheit selbst jahrelang davon profitiert haben. Die, die Finanzmarktkrise erst mitverursacht haben, geben sich nun so, als seien sie schon immer für strenge Regeln und gegen irreale Renditen gewesen. So lange die Eliten von Politik und Wirtschaft nicht öffentlich eingestehen, dass ihre Sprüche haltlos waren, werden nicht die richtigen Lehren aus dieser Krise gezogen.
Was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, in der der Bürger immer mehr den Eindruck hat, man kann inzwischen gar niemandem mehr trauen? Weder Managern, die nur an ihren eigenen Gelldbeutel denken, noch Politikern, die inzwischen selbst zugeben, den Durchblick verloren zu haben.
Die Politik verbleibt auch in ihrer Rolle als Zahlmeister diejenige, die nur reagiert, aber nicht regiert. Nicht gestaltet, sondern nur publikumswirksam bis zur nächsten Wahl über die Runden kommen will - und bis dahin sind die eigenen Schäfchen eh im Trockenen. Immer mehr Firmen gehen pleite, viele werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Wir alle werden von der Gier und dem Zynismus einiger weniger in Mitleidenschaft und in die Abgründe der Finanzkrise mit hinein gezogen.
Schon jetzt gibt es immer mehr Menschen, die zu wenig verdienen, um davon leben zu können und zusätzlich zum Lohn Hartz IV brauchen. Die Staatsverschuldung wird ins unermessliche erhöht - und als Gegenleistung schütten die Banken einen Großteil des Geldes, das sie als finanzielle Unterstützung vom Staat erhalten haben, wieder an die eigenen Manager und Aktionäre aus.
Seit den milliardenschweren Rettungsplänen wissen aber auch wir, was finanziell tatsächlich alles möglich wäre, wenn der Wille dazu vorhanden wäre. Wird es jetzt also auch endlich eine größere finanzielle Hilfe für die steigende Zahl der Hungernden in der Welt geben? Denn eine Frage bleibt doch: ist dies die Welt, in der wir leben wollen: wenig Hilfe für die Armen, Milliarden für die Banken?
Photo ©: sony pictures










Mittwoch 3. Dezember 2008 um 12:10
Ich denke, jeder hat Angst vor der ganz großen Krise, sprich dem Zusammenbruch des gesamten Wirtschaftssystems.
Wenn man das gesamte System (das wirtschaftliche wie das politische) nicht durchschauen kann, macht das die Menschen natürlich in Krisensituationen ängstlich und gefügig!
Die “Masche” der PolitikerInnen und WirtschftsbossInnen wird schon irgendwie von den Menschen erkannt sprich erfühlt, aber sie ist schwer zu greifen und beim Namen zu nennen.
Diesen Mächten jedoch gegenüber zu sitzen wie die Maus vor der Schlange, das kann doch nicht die Lösung sein!
Ich komme - wie immer auf diesem Blog und wie es wohl so meine Art ist - wieder auf meine ganz kleine eigene Menschenwürde zurück: Sich im Leben so verhalten, dass man sich selbst in den Spiegel schauen kann - und dazu auch stehen, so dass die Umwelt ein anderes positives Verhalten sehen kann und dann vielleicht einmal sogar die Welt nach und nach zu einer anderen Kultur als der der reinen Machtausübung findet. Wäre das nicht herrlich?
Ich geb’s zu: Fällt mir selbst oft schwer genug, mal nicht “nachzutreten”, wenn ich verletzt wurde. Ist aber für alle besser!
Samstag 6. Dezember 2008 um 18:40
Man kann tatsächlich den Eindruck haben, dass so manchem in Politik und Wirtschaft ein gewisses Quantum Angst der Menschen gar nicht so ungelegen kommt. Wenn Menschen Angst vor Arbeitslosigkeit haben, sind sie eher mal bereit auch krank zur Arbeit zu kommen. Verzichten auf eine Lohnerhöhung. Sind angepasster und gefügiger.
Trotzdem glaube ich, dass diese Rechnung nicht aufgeht und dass dieses Denken auch mit zur aktuellen Wirtschaftkrise beigetragen hat. Überall lesen und hören wir, diese Finanzkrise sei eine Vertrauenskrise. Angst und Vertrauen schließen sich aber nunmal gegenseitig aus. Das zeigt doch, dass die Einschüchterungs-Strategie auf Dauer nicht mehr funktionieren kann.
Nur wenn die Menschen Vertrauen haben - in die Zukunft, in das Handeln der Politiker, in eine soziale Gerechtigkeit - nur wenn es ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit gibt, sind die Menschen auch bereit etwas zu wagen. Wer nicht weiß, wieviel er morgen verdient oder ob er überhaupt noch eine Stelle haben wird, dem fällt es auch schwerer, sich zu den Lebensentscheidungen durchzuringen. Der baut kein Haus, der gründet keine Familie. Deshalb finde ich das, was in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in den letzten Jahren passiert, ist sogar kontraproduktiv für unser Wirtschaftsystem selbst.
Es ist zwar richtig, dass ein gewisses Maß an Sorge und Angst auch anspornen können. Dass ein Zustand, in dem alle Unannehmlichkeiten und Schicksalsschläge vom Staat aufgefangen werden, zu illusionärer Bequemlichkeit und Passivität führt. “Wozu lernen, gibt doch Hartz”. Oft ist Armut auch Bildungsarmut. Aber zuviel Angst lähmt eben auch und führt dazu, dass die Menschen sich ducken statt zu handeln. In einem Zustand dauernder Verunsicherung kann sich auch Kreativität nicht entfalten. Das kann`s ja wohl nicht sein.
Ein gewisses Grundvertrauen und Sicherheit ist doch gerade in unserer immer komplexeren Welt wichtig, um den Menschen die Angst vor dem Absturz zu nehmen. Erst dann können sich die Potentiale, die in Vielen unentdeckt schlummern und die die Gesellschaft dringend braucht, entfalten. Ob allerdings eine Grundsicherung z.B. in der Form eines sog. bedingungslosen Einkommens das zu leisten vermag, glaube ich eher nicht. Meiner Meinung nach brauchen wir ganz neue, kreative Ideen, die unsere persönliche Unabhängigkeit stärken und uns wieder Freiräume ermöglichen.