Der Traum von einem besseren Leben

Goodbye Deutschland – Abenteuer Auswandern - auch wenn dieser Traum nur von den wenigsten in die Tat umgesetzt wird — geträumt wird er von vielen. Kanada, Australien oder USA heißen die Ziele, in denen viele deutsche Auswanderer ihr Glück suchen.
Für andere ist Europa das Ziel ihrer Träume.
Jahr für Jahr machen sich tausende Menschen auf, um nach Europa zu kommen. Sie versuchen hier ihren Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen.
So auch Hamidur Rahman, ein Bauingenieur aus Bangladesch:
“Im November 2004 kommt Rahman mit seiner Frau und dem einjährigen Sohn nach Deutschland. Er beantragt politisches Asyl. Sein Asylantrag wird abgelehnt. Obwohl Menschenrechtsorganisationen seit Jahren aus Bangladesch über Massenverhaftungen, Erschießungen und Folter berichten. Immerhin wird die Familie in Deutschland geduldet. Hamidur Rahman erstreitet sich eine Arbeitserlaubnis, findet einen Job bei einer Baufirma. Besucht heimlich einen Deutschkurs. Stottert die Kosten vom Verdienten ab. Er will keine Almosen. Er will ein besseres Leben.
Als er sich erfolgreich um eine besser bezahlte Stelle bewirbt, verliert er seine Arbeitserlaubnis. Seine Ehe hält der Situation nicht stand. Hamidur Rahmans Frau erklärt, dass sie mit dem Sohn zurück will. Damit wird auch Rahmans Duldung hinfällig. Beide bekommen Flugtickets in ihre Heimat. Rahman tut so, als füge er sich in das Unvermeidliche. In Wirklichkeit hat er sich längst ein anderes Ziel ausgesucht: Kanada. Auf dem Frankfurter Flughafen entkommt Rahman.
Eine legale Einreise nach Kanada wurde Hamidur Rahman bereits verweigert, aber er meint, einen Weg gefunden zu haben: von Grönland aus über eine gefrorene Meerenge. Eine Strecke von rund 200 Kilometern. Zehn Kilometer Fußmarsch am Tag.
Am 20. März 2007 fährt er mit dem Zug über die dänische Grenze. Von dort fliegt er über kleine Flughäfen, auf denen kaum kontrolliert wird, nach Island. Dann nach Grönland. Am 18. April landet er in Thule. Hinter Thule beginnt das Eis. Das Eis ist schön und es ist grausam. Die Temperaturen liegen zu dieser Zeit bei minus 10 bis minus 20 Grad Celsius. Das Wetter ist tückisch.
Ein Inuit bringt ihn mit seinem Hundeschlitten weiter nach Norden. Dorthin, wo sich Grönland und Kanada so nah sind, dass man, glaubt Rahman, die kanadischen Berge bereits sehen kann. Rahman beginnt zu laufen. Eigentlich bräuchte er wärmere Kleidung, ein Zelt, einen Schlitten. Doch er hat kein Geld. Vor allem hat er nichts mehr zu verlieren. Er weiß, dass er im Eis sein Leben riskiert. Doch große Ziele, meint er, verlangen großen Einsatz. Was er nicht weiß, ist, dass seine Route in diesem Jahr nicht zu schaffen ist: Das Meer zwischen Grönland und Kanada ist wegen des warmen Winters nicht zugefroren.
Aber Rahman will unbedingt nach Kanada. Mit dem Kompass in der Hand stapft er hinaus aufs Eis. Schnell wird das Eis brüchig. Bald trifft er auf Wasser. Immer wieder bricht er durch das marode Eis. Bis zu den Knien, bis zur Hüfte. Schließlich muss er erkennen, dass sein direkter Weg nicht existiert. Er wird der Küste folgen müssen, denkt er, nach Norden. Das Gehen ist sehr anstrengend, seine Gelenke beginnen zu schmerzen. Rahman beschließt zu rasten. Sein kleiner Kocher mit Gaskartusche versagt. Er hat entsetzlichen Durst, aber ohne Kocher lässt sich kein Schnee schmelzen. Er macht ein Feuer, doch das Feuer brennt nur kurz. Den Schnee schmilzt es nicht.
Er versucht zu schlafen. Aber die Kälte zieht durch Schlafsack und Kleidung hindurch in alle Fasern des Körpers. Ohne Zelt und Isomatte hat er keine Chance auf Schlaf. Nur solange er in Bewegung bleibt, kann er sicher sein, nicht zu erfrieren. Es muss, es wird einen Weg geben, redet er sich ein. Doch er wird schwächer. Immer öfter muss er pausieren. Jedes Mal wird es schwieriger, sich anschließend wieder auf die Beine zu zwingen. Essen bekommt er nicht mehr hinunter. Er ist zu ausgedörrt.
In der zweiten hellen Nacht quert Rahman das Eis des Mac-Cormick-Fjordes. Die Berge des gegenüberliegenden Fjordufers sind zum Greifen nah. Eine Täuschung der trügerisch klaren Luft. Rahman geht darauf zu, doch es ist, als käme er nicht von der Stelle. Schneidend fährt der Wind durch seine Kleidung. Das Zittern hat seinen ganzen Körper ergriffen. Immer öfter fällt er hin. Die Berge bleiben auf Distanz. Als er endlich das andere Ufer des Fjordes erreicht, hat er jede Hoffnung verloren. Er ist sicher, sein Leben wird hier enden. Trotzdem schleppt er sich weiter voran.
Am späten Vormittag entdeckt er einen hellen Fleck in der Ferne. Es ist eine kleine Holzhütte. Rahman findet Holz und Petroleum, schafft es, ein Feuer zu entfachen und etwas Schnee zu schmelzen. Es reicht für eine Tasse Wasser und einen Becher Instantnudeln. Dann hört er das Geräusch.
Ein fernes Dröhnen. Es ist ein Helikopter. Rahmans schwingt sein Handtuch über dem Kopf. Wegen starker Winde ist der Helikopter von seiner normalen Route abgewichen. Der Pilot nimmt den erschöpften und unterkühlten Flüchtling an Bord. Am Flugplatz in Thule wird Hamidur Rahman verhaftet.”
Viele Menschen sind unterwegs auf der Suche nach einem besseren Leben. Tausende scheitern jedoch auf ihrer Reise. Flüchtlingsboote stranden vor den Kanaren oder vor der Insel Lampedusa bei Malta. Manche können nach ihrer Reise nur noch tot geborgen werden. Aber auch für die, die es geschafft haben, ergeben sich unerwartete Schwierigkeiten. Auch wer in seinem Geburtsland eine gute Ausbildung absolviert hat, muss sich am Ziel seiner Sehnsucht in niedrigbezahlten Jobs verdingen. Viele Staaten verfügen über keine geregelte Enwanderungspolitik. Ausländerrecht setzt zumeist auf Abwehr.
Aber hat nicht jeder Mensch dieses Planeten das unverfügbare Menschenrecht, dort zu leben, wo er es will? Ist es nicht Zeit für eine individuelle globale Niederlassungsfreiheit? Nicht nur für Untenehmen, sondern auch für jeden von uns. Hat nicht jeder Mensch das Recht auf ein besseres Leben?
Das kalte Grauen von Tina Uebel
Photo © clarecita1










Sonntag 4. Januar 2009 um 13:26
Das ist wirklich ein sehr bewegendes Schicksal. Wenn ich das richtig gelesen habe, hat sich Hamidur Rahman im vergangenen Jahr das Leben genommen, mit genau deinen Fragen im Kopf. Das geht mir wirklich nahe.
Das ist jetzt schon der zweite Kommentar, den ich hierzu schreibe. Ich weiß nicht so recht, was ich dazu sagen soll. Gibt es dazu überhaupt eine Antwort? Oder ist es eines der Dinge, wo es darum geht, erst einmal die Fragen zu leben, um dann eines Tages zu den Antworten zu kommen? Werden diese Fragen überhaupt oft genug oder laut genug gefragt? Interessiert es uns überhaupt genug, WARUM Menschen hier leben (wollen)? Wäre es nicht eigentlich besser, vor Ort präventiv zu “arbeiten”? Ich finde es sehr schwer, Antworten zu geben.
(Nur am Rande möchte ich anmerken, dass ich persönlich nicht hier weg will, weil ich das Leben hier schlecht finde. Ich mag Deutschland und Europa. Ich hab nur schon mein Leben lang das Gefühl, hier nicht wirklich hinzugehören. Das hat aber mit der Lebensqualität wenig zu tun.)
Dienstag 3. Februar 2009 um 00:07
@ Muschelschubserin:
Danke für deinen mitfühlenden Kommentar.
Was genau meinst du mit: “Wäre es nicht eigentlich besser, vor Ort präventiv zu “arbeiten”? Meinst du damit, vorbeugend in den Herkunftsländern, damit eine Auswanderung nicht mehr notwendig ist?
Grundsätzlich ist der Gedanke bestimmt nicht verkehrt, aber spontan fällt mir dazu auch ein, ob denn z.B. Australien tatsächlich präventiv irgendetwas unternehmen könnte, um dich von einer Auswanderung dorthin abzuhalten?
Eigentlich besteht doch kein Unterschied zwischen dem Wunsch nach Deutschland auswandern zu wollen und dem Wunsch nach Australien auswandern zu wollen? Und wäre es wirklich die Aufgabe eines Staates irgendjemandem von seinem Ziel abzubringen? Oder hat nicht einfach jeder Mensch das Recht dort zu leben, wo er es will?
Samstag 7. Februar 2009 um 14:18
Der Unterschied, der in diesen beiden Fällen besteht, ist, dass es für mich quasi ein Wunsch ist, der aus Luxus entstanden ist. Ich habe die Wahl, weil ich die Mittel habe, wenn man so will (und ich meine gar nicht unbedingt finanzielle Mittel).
Wer nach Deutschland auswandert (besonders im geschilderten Fall), tut dies aber oft, weil er das als einzige Wahl ansieht, weil er aus einer untragbaren Situation flüchten will oder muss.
Daraus kann man ableiten, dass ein Flüchtling noch viel mehr Grund hat, auszuwandern und vernünftig aufgenommen zu werden, als ich. Weil es um so Dinge wie Menschenrechte geht. Bei mir geht es um Selbstverwirklichung und das Gefühl, irgendwo zu Hause sein zu wollen, das ich hier noch nie hatte. Es geht weniger um ein besseres Leben, denn ich glaube gar nicht, dass es Down Under unbedingt objektiv besser ist. Es passt nur vielleicht besser zu mir.
Für Staaten dagegen zählen dann auch so Sachen wie der Nutzen, den er von Einwanderern hat. Welche Fähigkeiten bringen sie mit? Wie können sie den Staat bereichern? Welche Vorteile bringt der Einwanderer dem Staat? Und dann rücken die menschlichen Themen wohl etwas in den Hintergrund. Der Staat will was davon haben und nicht nur investieren. Dazu bräuchte es dann wiederum sinnvolle und funktionierende Integration, denn diese ist denke ich ein wichtiger Grundstein dafür, dass Menschen sich nützlich machen können.
Mit “vor Ort präventiv arbeiten” meinte ich im Prinzip Entwicklungshilfe und solche Dinge. Diese Flüchtlinge verlassen ihr Land ja nicht freiwillig, sie würden ihr Land lieben und da bleiben wollen, wenn die Lebensumstände nicht untragbar wären. Das meinte ich weniger im Sinne von “sie davon abhalten, dass sie zu uns wollen” als im Sinne von “ihnen das Leben im eigenen Land ermöglichen”.
Dass das alles sehr schwammig und wenig konret ist, ist mir klar. Reden kann man viel, das ganz konkret umzusetzen ist dagegen eine ganz andere Sache. Deshalb gibt es diese Themen und Probleme ja…