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„Verbrennt mich!“

bucherverbrennung-mai-1933.jpg
Heute, vor 75 Jahren, am 10. Mai 1933, wurden in Berlin und anderen deutschen Städten öffentliche Bücherverbrennungen inszeniert. Dabei wurden die Werke verfemter Autoren spektakulär und öffentlich ins Feuer geworfen. Es war der Beginn der Ausgrenzung in Nazideutschland gegen alles, was links, jüdisch oder pazifistisch war. Vor den Menschen wurden Bücher verbrannt. Die Werke von 94 deutschen und 37 ausländischen Autoren. Darunter Brecht, Döblin, Feuchtwanger, Hemmingway, Kästner, Wassermann, Zweig, um nur einige zu nennen. Viele der verfemten Autoren gingen daraufhin ins Exil.

Eine Erfahrung aus dieser Zeit ist der hohe Stellenwert, den die Freiheit der Kunst - und die Meinungsfreiheit allgemein - heute im Westen genießen. Die Empörung z.B. über die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie oder über die Bedrohung, der sich die Autorin Ayaan Hirsi Ali ausgesetzt sieht, spiegelt dies wieder.

„Verbrennt mich!“ Unter diesem Titel veröffentlichte Oskar Maria Graf, dessen Werke zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf der Liste standen, am 12. Mai 1933 in der Wiener Arbeiter-Zeitung einen Aufruf an die Nazis, in dem er sich mit den verfolgten Autoren solidarisch erklärte: „Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen“. *

Bei den Bücherverbrennungen des Jahres 1933 handelte es sich allerdings nicht, wie vielfach angenommen, um eine Aktion der NS-Partei oder des Propaganda- ministeriums, sondern um eine von Studenten geplante und durchgeführte. Bereits Anfang April 1933 rief die Deutsche Studentenschaft dazu auf, sich an einer vierwöchigen „Aktion wider den undeutschen Geist“ zu beteiligen. Die Aktion erfolgte unter Berufung auf die Bücherverbrennung während des ersten Wartburgfestes 1817, die wiederum an Luthers Tat 300 Jahre zuvor erinnern sollte. Luther hatte sich in seinen Spätschriften zu einem ausgesprochenen Judenfeind entwickelt. Etwas, worauf sich dann NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg und Julius Streicher oft berufen haben. So schrieb Luther 1543 unter anderem in „Von den Jüden und iren Lügen“ einen sogenannten „Sieben-Punkte-Plan zum Umgang mit den Juden“:

Erstlich, das man jre Synagoga oder Schule mit feur anstecke und, was nicht verbrennen will, mit erden überheufe und beschütte, das kein Mensch ein stein oder schlacke davon sehe ewiglich Und solches sol man thun, unserm Herrn und der Christenheit zu ehren damit Gott sehe, das wir Christen seien. – Zum anderen, das man auch jre Heuser des gleichen zerbreche und zerstöre, Denn sie treiben eben dasselbige drinnen, das sie in jren Schülen treiben Dafur mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall thun, wie die Zigeuner, auff das sie wissen, sie seien nicht Herren in unserem Lande. – Zum dritten, das man jnen nehme all jre Betbüchlein und Thalmudisten, darin solche Abgötterey, lügen, fluch und lesterung geleret wird. – Zum vierten, das man jren Rabinen bey leib und leben verbiete, hinfurt zu leren. – Zum fünften, das man die Jüden das Geleid und Straße gantz und gar auffhebe. – Zum sechsten, das man jnen den Wucher verbiete und neme jnen alle barschafft und kleinot an Silber und Gold, und lege es beiseit zu verwaren. – Zum siebenden, das man den jungen, starcken Jüden und Jüdin in die Hand gebe flegel, axt, karst, spaten, rocken, spindel und lasse sie jr brot verdienen im schweis der nasen“.

Zu Recht wirkt dies heutzutage wie ein mittelalterlicher Vorläufer zu einigen Maßnahmen der Nazis gegenüber Juden. Die Bücherverbrennungen des 3. Reichs kamen also nicht aus dem Nichts über die Deutschen, sondern wurden von den Akteuren selbst in eine Kontinuität einer ganzen Kette von Ereignissen gestellt. Wobei diese auf den ersten Blick nicht erkennbaren Verbindungen mit dem Untergang des Faschismus in Deutschland noch lange kein Ende fanden.

Denn auch zwischen den studentischen Bewegungen vor bzw. während des Nationalsozialismus und denen der 68er scheinen vielfache Gemeinsamkeiten zu bestehen, wie dies der Historiker Götz Aly in seinem aktuellen Buch „Unser Kampf“ beschreibt. „Die revoltierenden Kinder der 33er“ so Aly, „waren ihren Eltern und Großeltern – jener Generation, die die Machtübernahme der Nazis bejubelten oder unterstützten – auf elende Weise ähnlich“. Die 68er seien der nationalsozialistischen „Generation von 1933“ viel ähnlicher, als diese dies selbst wahrnehmen wollen.

Die Kontinuität der „Bewegung“ von 1938 zur 68er Studenten-Bewegung zeigt sich dabei nicht nur in der heute kaum mehr nachvollziehbaren Verehrung totalitärer Regierungsformen, seien sie nun national-sozialistisch oder international-sozialistisch (UdSSR) orientiert. Auch die Anerkennung von Gewalt als Mittel in der politischen Auseinandersetzung bis hin zum Terrorismus, der Antiparlamentarismus, die betont antiwestliche Einstellung, der Antiamerikanismus und der latente Antisemitismus ziehen sich wie eine Linie von den rechten Vätern im Dritten Reich bis zu den „linken“ 68er Söhnen.

Es waren schließlich die 68er, die in der, durch ein deutsch-palestinensisches Kommando nach Entebbe entführten, Air-France-Maschine alle Passagiere nach ihrer Rassenzugehörigkeit in jüdische und nicht-jüdische selektierten. Erst heute wird immer deutlicher, dass auch im Inneren so mancher “links-revolutionärer” Apologeten das Denken der Väter weiter wirkte. Die Begeisterung Ulrike Meinhofs (und anderer “Linker”) im Jahre 1972 für den palestinensischen Überfall auf die israelische Olympiamannschaft steht hierfür nur exemplarisch.

Eine tatsächliche Aufarbeitung des nationalsozialistischen Erbes und seiner gesellschaftlichen Kontinuität steht also immer noch aus.

*Ein Jahr später, 1934, wurden dann auch die Bücher Oscar Maria Graf`s verbrannt und seine Werke verboten. Über die Tschechoslowakei, Moskau und die Niederlande musste er mit seiner späteren Frau, der Jüdin Mirjam Sachs, in die USA fliehen, wo er 1957 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt.


weiterführende Informationen:

Chronologie des Holocaust” von Knut Mellenthin

Podcast: “Kinder der Machtergreifung”, eine Diskussion mit Götz Aly über die Thesen seines Buches.


Erstellt am Samstag 10. Mai 2008
Unter: Gesellschaft, Global, Kultur | 6 Kommentare »

Hans Küng und das Projekt Weltethos

hans-kung.gifHans Küng, der Gründer der Projekts „Weltethos“, gilt als einer der profiliertesten Theologen Deutschlands. Nach langwierigen Auseinandersetzungen mit der katholischen Kirche, insbesondere um das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes, war ihm Anfang 1980 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen worden. In der Zeit danach beschäftigte sich Küng intensiv auch mit den nichtchristlichen Weltreligionen.

Unter “Weltethos” versteht Küng dabei die allen Religionen gemeinsamen zentralen ethischen Werte. Mit seinem Projekt will er diese dokumentieren und zugleich die ethischen Grundforderungen aufstellen, welche von allen akzeptiert werden können.

Mit dem „Weltethos“ soll ein Appell an die Weltreligionen gerichtet werden, sich auf einen Grundkonsens über verbindliche Werte zu verpflichten, so wie dies auf staatlicher Ebene die Nationen mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte geleistet haben. Küng sucht damit nach einem Weg die Welt zukünftig friedlicher zu gestalten. Denn in religiös begründeter Gewalt sieht er zwar einerseits eine der Ursachen für die Entstehung von Kriegen. Andererseits könnten die Religionen aber einen Beitrag zum Frieden leisten, wenn sie sich auf die gemeinsamen ethischen Vorstellungen besinnen würden. Eine globalisierte Welt brauche nach Küng auch ein gemeinsames globales Ethos.

Küng bewegt die berechtigte Sorge, dass die Welt auch mit dem Ende des Kalten Krieges nicht friedlicher geworden ist und dass das angehäufte weltweite atomare Vernichtungspotential ausreichen würde, die gesamte Menschheit mehrmals vollständig zu vernichten. Seine zentralen Thesen lauten zusammen gefasst: „Kein Überleben ohne ein Weltethos. Kein Weltfriede ohne Religionsfrieden. Kein Religionsfrieden ohne Religionsdialog.“ Mit dem Projekt Weltethos soll einem Missbrauch von Religion zur Verbreitung von Haß und Gewalt durch Fundamentalisten entgegengearbeitet werden.

Ursprüngliches Ziel war es, durch ein „Weltethos“ das Bewusstsein der Menschen ebenso nachhaltig zu verändern, wie dies der Friedens- oder der Umweltschutz- bewegung gelungen ist. Küng ist dabei überzeugt, dass die Menschheit nur dann überleben kann, wenn es ihr gelingt, gemeinsame Normen, Ideale und Ziele zu entwickeln. Diese Gemeinsamkeiten in den Religionen zeigen sich z.B. in der so genannten Goldenen Regel, welche alle Kulturen und Religionen in gleichem Maße kennen. Das Projekt Weltethos führt dazu folgende Beispiele an:

Hinduismus: Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral. – Mahabharata (Geschichte Großindiens) XIII, 114.8

Jainismus: Gleichgültig gegenüber weltlichen Dingen sollte der Mensch wandeln und alle Geschöpfe in der Welt behandeln, wie er selbst behandelt sein möchte. - Sutrakritanga 1,11,33

Konfuzianismus: Was Du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an. - Konfuzius, Lunyu (Die Analekten des Konfuzius) 15,23

Buddhismus: Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten? - Samyutta-Nikaya (Reden Buddhas) V, 353.35-354.2

Judentum: Tue nicht anderen, was Du nicht willst, dass sie Dir tun. - Rabbi Hillel, Sabbat 3a

Christentum: Alles was Ihr wollt, dass Euch die Menschen tun, das tut auch Ihr Ihnen ebenso. - Neues Testament, Matthäus 7,12; Lukas 6,31 bzw. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selber., Levitikus 19,18 AT, Lukas 10,27, Matthäus 19,19, Matthäus 22, 39, Römer 13,9, Galater 5,14.

Islam: Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht. - An-Nawawi, Kitab Al-Arba’in (Vierzig Hadithe), 13

weltethos.jpgSeit 1995 wird das Projekt Weltethos wird von der “Stiftung Weltethos” getragen, deren Präsident Hans Küng ist. Gegründet wurde die Stiftung von Graf K.K. von der Gröben, der dafür mehrere Millionen Mark zur Verfügung stellte.

Ich finde die Idee von Hans Küng sehr beeindruckend, dennoch bleibt für mich die Frage offen, wie allein eine Auflistung ethischer Regeln in einer Weltethos-Agenda das Verhalten der Menschen positiv beeinflussen soll, wenn nicht einmal die gelebten Religionen selbst die normative Kraft haben, das Verhalten der Menschen auch tatsächlich in diesem Sinne zu verändern?

Können globale ethische Standards, wie ein gemeinsames Weltethos, wirklich ein Weg hin zu mehr Frieden in der Welt sein? Ist das ein rein theoretischer Diskurs, wie man Küng oft vorgeworfen hat, oder fehlen dieser Idee einfach nur die Menschen, die bereit sind, sie zu verbreiten?

Erstellt am Freitag 25. April 2008
Unter: Global, Kultur, Uncategorized | 8 Kommentare »

Versöhnung für den Nahen Osten - das „Pen-Pal Projekt”

Die meisten Nachrichten aus dem Nahen Osten - ob in den Zeitungen, im Radio oder Fernsehen - sind geprägt von Terror und Gewalt. Im Westjordanland, in Gaza, in Israel. Anschläge, Vergeltung und Zerstörung folgen aufeinander. Hass und Fanatismus, Wut und Rache bestimmen das Geschehen. Ein Dialog scheint unmöglich.
Trotz allem gibt aber immer auch kleine Hoffnungsschimmer in dieser scheinbar ausweglosen und verfahrenen Situation. Solche Zeichen der Hoffnung sind z.B. das arabisch- jüdische Friedensdorf “Neve Shalom - Wahat al Salam” das von Reuven Moskovitz mitgegründet wurde, der Dirigent Daniel Barenboim, der gemeinsam mit israelischen und palästinensischen Musikern auftritt oder Yael Katz Ben Shalom, der die Begegnung zwischen einer jüdischen und einer arabischen Schule in Jaffo initiierte.Vor einiger Zeit habe ich ein weiteres Friedens-Projekt kennen gelernt, das mich sofort tief beeindruckt hat. Es nennt sich „Pen-Pal Projekt“. Auf Deutsch „Brieffreundschaften-Projekt“. Eytan Shouker und Eldad Cidor, beide Künstler, ist es damit gelungen, eine persönliche Begegnung zwischen palästinensischen und israelischen Jugendlichen über alle Grenzen hinweg zu ermöglichen. Die Künstler verteilten Einwegkameras an 500 Jugendliche, die damit ihre unmittelbare Umgebung, ihren ganz normalen Alltag, dokumentieren konnten. Die entwickelten Fotos erhielten die Jugendlichen als eine Postkarte wieder zurück. Dazu auch den Namen eines Brieffreundes, an den sie diese Postkarte mit ihren persönlichen Gedanken schicken konnten. Für viele war dies die erste freundschaftliche Beziehung mit dem bisherigen „Feind“.

mira.JPGMira (18), Bir Zeit

Yamit.

How are you? Thanks for your letter. The photo is very beatiful. I will tell you about my hoppies, my best hoppies are swimming, read English novels, play basket ball. Please write to me again.

From Mira

Diese berührende Aktion scheint naiv und weltfremd angesichts der tagtäglichen Ereignisse, die das Leben und die Gedanken der Menschen in diesem Land prägen. Für die Jugendlichen aber war es eine einmalige Möglichkeit des gegenseitigen Kennenlernens. Ich mag dieses Projekt und bin begeistert. Warum gibt es nicht mehr davon?

Angi (14), Bir Zeitangi.JPG

Hi Rony,

I would like to ask you some questions. 1. are you with the peace? 2. What do you like to do with the peace?

3. Do you like to be friend with us“ 4. Who is the Rony and why?

Send the answers back. This is one of my pictures. You know I hope we stay friends 4ever.

Das „Pen-Pal Projekt“ hinterlässt nicht nur einen tiefen Eindruck bei jedem, der es kennen lernt, es bringt auch eine Botschaft an alle Menschen in der Welt: So verschieden wir auch sein mögen, uns eint viel mehr, als uns trennt.

fadi.JPGFadi (18), Qalkilya

Hello. I am Fadi from Azzoun. I have a problem. I send to my friend two times, but I didn`t received any answer until now. By the way, I wait more than two weeks after sending, but the needed time is 4 days. My friend name is Mor. I am waiting an answer with thankful.

Fadi

Ein palästinensisches Kind kennt Israelis wahrscheinlich nur als Soldaten. Einem israelischen Kind prägt sich die Angst vor einem Terroranschlag ein. Auch die Medien zeigen nur die Konflikte. So trennt sich schnell die Welt in Gut und Böse. Aber die Realität ist anders. Wer sich traut, den anderen zu verstehen, hat schon angefangen die Welt ein Stück besser zu machen.

„Sie und wir.
Wir und sie…
Jede Seite bewaffnet mit ihren historischen und moralischen Ansprüchen,
machen unser gemeinsames Paradies
zur existentiellen Hölle…“

Eytan Shouker, Tel Aviv, Urheber des Pen-Pal Projektes

Dieses Projekt ist nur ein kleiner Tropfen auf einen heißen Stein und es wird alleine niemals die Kraft haben, die Politik zu ändern. Aber es zeigt, was notwendig ist: Brücken zu bauen über Grenzen und Vorurteile hinweg. Es ist ein kleiner Beitrag für mehr Toleranz und Verständnis zwischen den Menschen.

Das “Pen-Pal Projekt” wurde im Rahmen einer Sonderausstellung des Jüdischen Museums Berlin vorgestellt. Hier können auch Kataloge zu dieser Ausstelung bestellt werden.

Erstellt am Sonntag 23. März 2008
Unter: Global, Kultur | 2 Kommentare »

Verschwunden - und wieder aufgetaucht!

Das kennt wohl jeder. Bei jedem Umzug geht immer irgendetwas verloren. Besonders ärgerlich ist es für mich, wenn eines meiner Bücher weg ist. Ich denke dann jedes Mal: das hat jetzt bestimmt jemand anders. ;-) Nun aber habe ich zur Abwechslung mal ein Buch wieder gefunden. Und das kam so:

award-tagebuch.JPGDie Handwerker waren da und ich wollte einiges aus dem Weg und in den Keller bringen. Beim Umräumen sehe ich zufällig einen alten Pappkarton und schaue nach, was drin ist. Unter allerlei Küchenkram entdecke ich es: mein blaues Tagebuch! Habe ich hier nicht meine damaligen Gedanken zu 9/11. aufgeschrieben? Wie lange ist das schon wieder her? Da haben doch noch die „Könige“ Schröder und Joschka regiert. Ich werde das Buch wieder mit nach oben nehmen. Ich schließe die Kellertür und zerreisse mir dabei an einem hervorstehenden Nagel meine Kleidung. Ich schlage das Buch auf, beginne zu lesen - und bin bewegt, was ich doch seitdem alles vergessen habe.

In diesem Tagebuch hatte ich damals aufgeschrieben, was mich in der Zeit nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center beschäftigt hatte. Die berechtigte Sorge von vielen Menschen in diesen Wochen war, dass es, wie schon einmal im Kalten Krieg, wieder zu einer Teilung der Welt kommen würde. Nur eben diesmal in eine westliche und die islamische Welt. „Ich befürchte, der 11.09. wird missbraucht werden für einen Angriff auf den Islam.“, schrieb ich.

Mich interessierte, was die Attentäter zu ihren Anschlägen gebracht hatte. Und was das für eine Religion ist, in deren Namen sie handeln. Durch Reisen in die Türkei und nach Istanbul (eine wunderschöne Stadt!), die Gespräche mit Imamen in einigen Moscheen und durch den Koran bekam ich langsam einen immer tieferen Einblick in den Islam. Über den in München lebenden Moslem Oguz A. lernte ich auch unterschiedliche religiös-kulturelle Dialoggruppen in verschiedenen Städten kennen.

Ich lese weiter in meinem Tagebuch: „Die Gefahr besteht, dass der Westen in einer sich nun abzeichnenden Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus, Intoleranz und Terrorismus jetzt seine eigene Toleranz schrittweise wieder aufgibt“.

Mich hat seit der Zeit die Frage nach den Ursachen transpersonal motivierter Gewalt immer wieder beschäftigt. Menschen, die frei von ihrer Kollektiv-Geschichte vielleicht die besten Freunde wären, werden im Namen einer „Idee“ und einer scheinbar guten Sache zu Feinden. Sie wissen dies natürlich selbst - und können sich doch von alleine nicht aus diesen Schicksals-Verstrickungen lösen. Bleiben immer weiter Ausführende eines Mems - ihres kollektiven Gedächtnisses.

Ich lese weiter: „ Es ist eine Geschichte darüber, wie wir auf der Suche nach unserer persönlichen Identität zu Überlieferungen und Bildern greifen müssen, die uns gegenseitig zu Feinden machen.“ „…greifen müssen“ – vielleicht ist das einer der Schlüssel? Ich bin froh, dass ich dieses Buch wieder gefunden habe …

Die Intoleranz und Unduldsamkeit gegenüber anderen Menschen und deren Ansichten ist eines der traurigsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Sie entspringen aber wohl nicht nur der menschlichen Neigung zu Rechthaberei und Streit, sondern auch der Eigenart der Menschen, Idealen und Ideen blind zu folgen.

Beinahe täglich ist in den Zeitungen oder in den Fernsehnachrichten von Gewalt und Terror die Rede. Auf die mörderischen Selbstmordattentate, wie jetzt wieder am 6. März auf die Talmud-Schule „Mercas Harav“ in Jerusalem, folgt dann meist eine gnadenlose Vergeltung. Die Politiker und religiösen Führer sind scheinbar zu einem Dialog unfähig. Stattdessen bestimmen Hass und Fanatismus, Wut und Rache das Geschehen. Aber nicht nur im Nahen Osten, sondern genauso in Afrika (Kenia, …), Asien (Sri Lanka, …), Europa (Kosovo, …) …

Die Spurensuche nach einigen der Gründe und vielleicht auch den tieferen Ursachen für diesen weltweiten Hass wird die nun kommenden Schritte und Artikel der zweiten Phase in diesem Blog bestimmen. Damit es nicht zu monothematisch wird, schreibe ich - für die, die mir auf diesem Weg folgen wollen - auch weiter zu Themen wie Globalisierung, Religion oder Kultur. Also z.B. über folgende Fragen: „Haben die Religionen eine Mitschuld an der Gewalt auf der Welt?“, „Was ist eigentlich aus dem „Weltethos-Projekt“ von Hans Küng geworden?“. “Sind all dieser Hass und die Intoleranz Stationen auf dem Weg zum wahren Menschentum oder einfach nur Irrwege?”, wie sich dies sinngemäß auch der Schriftsteller Albrecht Goes fragt. „Welche Brüche und Verwerfungen gibt es innerhalb der menschlichen Gemeinschaft durch die Globalisierung?“, „Was bedroht die eigene kulturelle Identität?“, „Ist z.B. so eine Idee wie die „Gewaltfreie Kommunikation“ von Marshall Rosenberg ein Weg zu mehr Toleranz?“ …

P.S.: Was rät mir hierzu heute das chinesische “Buch der Wandlungen“? „Wir müssen uns das ansehen, was wir ernähren wollen und dann darüber nachdenken, welche Nahrung sich am besten eignet.“

Erstellt am Samstag 15. März 2008
Unter: Gesellschaft, Global, Think about it | 4 Kommentare »

Blogger Beppe Grillo sucht Mitstreiter

mao-grillo.jpg

“Don’t read the newspapers.

Don’t watch the TV.

Think with your own head.

Lift up your head.

For a new Renaissance.”

Das hat mich erstmal neugierig gemacht.

Hat schon jemand Infos, um was genau es bei dieser Aktion

“V-Day 25 April, for freedom of information”

auf Beppe Grillo`s Blog* geht?

(* Laut Technorati ist Beppe Grillo`s Blog unter den zehn weltweit am häufigsten besuchten.)

Erstellt am Dienstag 4. März 2008
Unter: Gesellschaft, Global | 8 Kommentare »

Klimaveränderung und Hexenverbrennung

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Pieter Bruegel der Ältere (1565) „Jäger im Schnee“

Für sein neues Buch “Kulturgeschichte des Klimas”, hat Prof. Wolfgang Behringer den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Geschichte erforscht. So u.a. auch die Verbindung zwischen den Hexenverbrennungen und einem Klimawechsel während des Mittelalters. Danach kam es aufallend häufig in den Jahren zu starken Hexenverfolgungen, in denen sich das Klima verändert und für Mißernten gesorgt hatte.

Irrationalerweise seien während des ganzen Mittelalters nach Ernteausfällen und Hungersnöten immer wieder Menschen für eine Änderung des Klimas verantwortlich gemacht worden. (Ein Interview des Journalisten Jürgen Albers`mit Prof. Wolfgang Behringer über dessen neues Buch habe ich als Podcast hier verlinkt). Genau wie heute wurde also auch schon damals der Mensch als Ursache des Klimawandels betrachtet.

Die Frage ist aber: Darf und kann man das überhaupt vergleichen? Die Reaktion der Menschen im Mittelalter und den heutigen Umgang mit einer erneuten Klimaveränderung? Immerhin stützen sich die aktuellen Aussagen nicht auf Aberglaube, sondern auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Auffällig ist auf der anderen Seite, dass z.B. nur die negativen Folgen eines Klimawandels betrachtet werden. Gibt es also doch eine gemeinsame irrationale Grundstruktur des Umgangs mit solchen Ereignissen? Reagieren wir vielleicht doch nicht ganz so rational, wie wir glauben? Oder sind solche von manchen geäußerten Zweifel nur der Versuch, eine klimagerechte Politik zu verhindern?

Erstellt am Samstag 1. März 2008
Unter: Gesellschaft, Global, Umwelt | 2 Kommentare »

Steven Spielberg hat gekündigt

spielberg.jpgDer Filmemacher, Regisseur und Oscarpreisträger Steven Spielberg berät China nicht mehr für die olympischen Spiele. Der Grund ist die Sudan-Politik Chinas. “Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, wie gewohnt einfach weiterzumachen… Es geht darum, alles dafür zu tun, dass den unbeschreiblichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die weiter in Dafur passieren, endlich Einhalt geboten werde“. darfur.jpg

Spielberg verlangte in einer öffentlichen Erklärung, dass China mehr tun muss, um die menschliche Tragödie in Dafur zu beenden. China ist einer der Hauptabnehmer für sudanesisches Erdöl und pflegt enge wirtschaftliche Beziehungen zum Sudan. In der Vergangenheit hat China stets sein Veto im UN-Sicherheitsrat eingelegt, wenn das Vorgehen der Regierung in Khartum verurteilt werden sollte.

Nach Schätzungen von NGO`s wurden in den vergangenen Jahren bei dem Konflikt in Darfur mehr als 200.000 Menschen getötet. Bis zu 2,5 Millionen wurden vertrieben, viele flohen in die Nachbarländer des Sudans. Die islamistische Regierung in Khartum, die die Rückendeckung Chinas hat, streitet bis heute jeden Vorwurf der gezielten Vertreibung ab.

Quelle: Spiegel Online

Erstellt am Freitag 15. Februar 2008
Unter: Global, Kultur | Keine Kommentare »

Türkische Schulen in Deutschland - Vorteil für die Integration?

Am Rande der Trauerfeier für die Opfer der alevitischen Familie, die bei der Brandkatastrophe in Ludwigshafen umgekommen waren, hatte der türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdogan vorgeschlagen, in Deutschland türkischsprachige Gymnasien zu gründen. Damit hat er eine rege Diskussion in der Bevölkerung angestoßen. In den meisten Parteien ist der Vorschlag vorerst auf Protest gestoßen. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün z.B. meinte: „man wolle keine Kinder, die körperlich in Deutschland und geistig und seelisch in der Türkei lebten“. Auch die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer und der SPD-Chef Kurt Beck lehnten Erdogan`s Vorschlag ab.

Viele befürchten, dass eine Parallelgesellschaft gefördert und die Integration erschwert würde. Wäre dem tatsächlich so? Oder könnten türkische Schulen und Universitäten zur besseren Integration beitragen? Je unaufgeregter und pragmatischer an diese Fragen herangegangen wird, desto eher können die unbestreitbaren Defizite des bestehenden Systems angegangen werden, um die schulischen und später beruflichen Erfolge der Einwanderer zu erhöhen.

Der Schlüssel zur Integration ist die Bildung. Wie erfolgreich ist der bestehende Weg, Einwandererkindern zu erfolgreichen Schulabschlüssen zu verhelfen? Nach der letzten Pisa-Studie sind die Bildungschancen für Einwandererkinder an deutschen Schulen schlechter als in anderen Ländern. Die Folge ist eine schlechte Integration in die deutsche Gesellschaft und Arbeitswelt. So lange immer noch so viele Kinder der 2. oder 3. Einwanderergeneration nur mit Hauptschulabschluss oder ganz ohne Abschluss in ihr Leben gehen, stimmt hier etwas nicht. Was sind die Gründe für dieses schlechte abschneiden?

Sind muttersprachliche Schulen ein Weg zu mehr Bildung und Chancen für Einwandererkinder oder verstärkt dies eher einen Trend zur Parallelgesellschaft? Wie könnte der Unterricht an solchen Schulen konkret aussehen? Sind das Vorbild die bereits bestehenden mehrsprachigen Schulen und Internate, oder würde der Unterricht nur auf türkisch und nach dem Lehrplan des türkischen Erziehungsministeriums stattfinden? Können muttersprachliche Schulen die Ängste von Einwanderern vor einer Assimilation abbauen? Was steckt hinter diesen Ängsten? All dies sind Fragen, die geklärt werden müssen, bevor eine vorschnelle Ablehnung oder Zustimmung erfolgen sollte.

Erstellt am Mittwoch 13. Februar 2008
Unter: Gesellschaft, Global, Kultur | 13 Kommentare »

“Obama hat was”…

usa.jpgWenn man mit Verwandten in den USA spricht, kann man oft hören: “Obama hat was”. Unabhängig davon, welchem der Kandidaten letztlich die Stimme gegeben wird, verkörpert der charismatische Demokrat für sehr viele, über alle Parteien hinweg, am überzeugendsten den ersehnten “Change”, den Wechsel in der amerikanischen Politik.

hillary-clinton.jpgAber - hatte es zum Schluss der Clinton Ära nicht ganz ähnliche Hoffnungen auf einen Neuanfang gegeben? Nach all den damaligen Auseinandersetzungen um die Äffairen dieses Präsidenten? Es ist durchaus möglich, dass diese alte Geschichte nun auch für dessen Frau zu einem Hindernis auf ihrem Weg ins Präsidentenamt werden könnte. Nicht wenige im teilweise sehr konservativen Amerika stellen die Frage, wie Bill Clinton sich denn diesmal im “White House” benehmen würde.

barack-obama.jpgAuch wenn die Positionen der beiden demokratischen Bewerber auf vielen Gebieten ähnlich sind, steht Obama bereits mit seiner Person für den Anspruch, das in den letzten Jahren, trotz Wirtschaftswachstum, immer weiter gespaltene Land wieder zu einen: “Es gibt kein schwarzes und kein weißes Amerika, es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika. Wir sind ein Volk”.

Barack Obama setzt in diesem Wahlkampf stärker auf die Wirkung seiner Person als auf eine eindeutige Positionierung. Dadurch könnte auf der anderen Seite aber auch er von allen Kandidaten der sein, der am schnellsten seine Politik nach dem Ende der Wahl an die neuen innen- und außenpolitischen Spielräume anpasst. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass Hillary Clinton, die sich vor allem auf außenpolitischem Gebiet wesentlich deutlicher festgelegt hat, trotzdem größere Schwiegrigkeiten zu haben scheint, dafür auch die nötige finanzielle Unterstützung zu bekommen. Insgesamt scheint sich meine Einschätzung zu bestätigen, dass in den USA der Kandidat die größten Chancen hat, der es am besten versteht, als Projektionsfläche für die unterschiedlichen Schichten und Gruppen zu dienen.

Auch in den USA dienen Wahlkämpfe vor allem der Mobilisierung der Wähler. Und immer weniger dazu, auch eine 1:1-Vorlage für die spätere Regierungspolitik abzugeben. Ob es unter einem neuen Präsidenten also tatsächlich zu einer grundlegenden Änderung, insbesondere in der Außenpolitik kommen wird - eine Frage an der vor allem auch Europa ein vitales Interesse hat - wird sich erst zeigen müssen.

Während der Ära Bush II. hatte mich gelegentlich folgende Frage beschäftigt: Sollte es nicht möglich sein, einen Präsidenten, dessen Politik einen nicht unerheblichen Einfluss auch auf andere Länder hat, zumindest zu einem kleinen Teil auch von Menschen außerhalb der USA wählen zu lassen?

Eine ernsthaftere Frage ist allerdings die danach, was uns eigentlich tatsächlich unter dem zukünftigen US-Präsidenten erwartet? Wen würden wir wählen? Welcher Kandidat kommt unseren Interessen am nächsten?

Erstellt am Dienstag 12. Februar 2008
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Soll sich Deutschland stärker in Afghanistan engagieren?

In der letzten Woche hatte der US-Verteidigungsminister Robert Gates, eine Ausdehnung des Bundeswehrmandats auf den Süden Afghanistans gefordert. Zur Unterstützung der Truppen aus den USA, Kanada und den Niederlanden. Die Bundesregierung hat die Forderung bislang zurückgewiesen und betont, dass das Mandat auf den Norden Afghanistans beschränkt bleiben soll.

isaf.jpg In diese mittlerweile auch in den Blogs geführte Debatte hat sich zuletzt auch der SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose eingeschaltet und der Diskussion eine neue Richtung gegeben. In seiner Rolle als stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag hat sich Klose für einen möglichen Kampfeinsatz in ganz Afghanistan ausgesprochen. Auch der Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer hat ein stärkeres Engagement der Bundeswehr in ganz Afghanistan gefordert.

(Bild vergrößern) Hintergrund der Auseinandersetzung ist ein schon seit längerem bestehender Streit über die Lastenverteilung bei dem Afghanistan-Einsatz der Nato. Von Seiten der Nato steht die Forderung im Raum, dass Deutschland zukünftig 17 Prozent der Truppen in Afghanistan stellen müsse, was eine Verdoppelung der dort stationierten deutschen Soldaten bedeuten würde. Es stellt sich allerdings die Frage, ob dies in Deutschland mehrheitsfähig ist?

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Erstellt am Montag 4. Februar 2008
Unter: Gesellschaft, Global | 14 Kommentare »