Allem Anfang wohnt ein Zauber inne…
So viel Anfang war nie.
Neue Artikel, neue Möglichkeiten, neue Produkte. Neue Klänge, neue Stimmen, neue Entscheidungen. Wir können, ja wir müssen heute immer wieder neu entscheiden, wie unser Leben weiter verlaufen soll. Jeden Tag neu. Jeder Tag ein neues Versprechen. Der Wandel ist das einzig Beständige.
„Wir werden die Welt verändern. Ein ganz neues Leben anfangen. Heute und morgen wieder.“
Jeder hat irgendwann derartige Gedanken. Wir träumen davon, etwas Neues anzufangen. Unser ganzes Leben neu anzufangen. Glücklicher zu werden. Es gibt eine große Sehnsucht nach einem Neuanfang. Die Ratgeberliteratur ist voll davon: „Mut zum Neubeginn. Wie Sie es schaffen“. Wir erfinden uns täglich neu, oder sollen es zumindest.
„Komm lass uns mal schauen, was es Neues gibt.“
Allein in Deutschland werden jedes Jahr von der Markenartikelindustrie vierzehn Milliarden Euro für Innovationen ausgegeben. Jedes Jahr gibt es etwa 30.000 neue Produkte in Deutschland.
Die bestimmende Idee unserer Zeit ist die einer permanenten Neuerfindung von Allem, einschließlich von uns selbst. Die permanente Revolution ist Wirklichkeit geworden – im Kapitalismus.
Die Revolution frisst nicht nur das Alte, sie nährt und fördert die Illusion, dass es etwas wirklich Neues tatsächlich geben könnte.
Unsere ganze Kultur ist mittlerweile durchdrungen von der „Ideologie des Neuen“:
Der Wirtschaftsbereich – z.B. Marketing, Patentrecht - basiert auf der Vorstellung, dass das Neue keine Beziehung zum Bestehenden hat, sondern unvermittelt, wie aus dem Nichts auftaucht.
Die westliche Wissenschaft schildert die Geschichte unseres Universums als einmaligen Neuanfang, ausgehend von einem Urknall. Eine westlich geprägte Vorstellung? Die den Gedanken an ein ewig existierendes Universum - ohne Anfang und Ende – nur deswegen als absurd abtut, weil sie in ihren alten Vorstellungen gefangen ist? *
Im Privaten, auch in unseren Beziehungen, hegen wir nicht selten die Hoffnung, dass man das Vergangene hinter sich lassen kann, mit der Vergangenheit abschließen kann. Neu anfangen kann.
In der Evolution des Lebens scheint es dagegen keinen absoluten Neubeginn, nichts unverbunden Neues zu geben. „Was bei der Betrachtung … zunächst auffällt, ist, (dass die) begrenzte Zahl von (genetischen) Bauplänen sich … seit der Zeit ihrer Entstehung vor 600 bis 1000 Millionen Jahren nicht grundsätzlich verändert haben. Neues (kann) sich nur auf der Basis des schon Bestehenden durchsetzen. Nur jene genetischen Varianten (werden) zum Spiel der Evolution zugelassen, die in die Strukturen bereits etablierter Baupläne passen. Diese Einschränkung kann auch als eine “Bürde der Tradition” interpretiert werden.“** Die Evolution erfindet nicht ständig alles neu, sondern bestehende Strukturen werden für neue Aufgaben und Zielen eingesetzt. Nichts im Organischen ist völlig neu. Das “Neue” ist nicht frei, sondern abhängig von dem Bestehenden und Vorhergehenden.
Dies gilt auch auf anderen Gebieten. Großes Erstaunen löst z.B. bei vielen immer noch die Tatsache aus, dass die Bibel in weiten Teilen nicht einzigartig und neu ist, sondern viele der Erzählungen, wie auch die Sintflutgeschichte, literarische Vorläufer in frühen mesopotamischen Epen hat.
Was ist so verstörend an der Aufdeckung einer gewissen Kontinuität zu früheren Kulturen? Ist nicht der Gedanke, dass das aktuelle Sein am Ende einer langen Kette von Ereignissen steht, mindestens genauso aufregend wie die Annahme, das es unvermittelt neu sei?
Auch der innere Kontakt zu den Menschen, die unserem individuellen Leben vorangingen, gilt in unserer von der „Ideologie des Neuen“ geprägten Zeit als unwichtig oder “altmodisch”. Während heutzutage viele nichts genaues mehr über das Leben ihrer Großeltern oder gar Ur-Großeltern wissen (oder wissen wollen), können Kinder in vormodernen Gesellschaften eine lange Reihe ihrer Vorfahren aufzählen. Hier lebt der Einzelne in dem ausgeprägten Bewußtsein nur deshalb zu existieren, weil auch seine Ahnen existierten.
Eins entwickelt sich aus dem anderen. Nichts entsteht neu. Alles ist eine ewige Kette von Ereignissen. Es gibt keinen wirklichen Neubeginn. Das Bestehende wird nicht nur vom Neuen aufgehoben und verdrängt, es bleibt auch im Neuen weiter aufgehoben. Immer wird „das Alte“ mitgeschleppt. Unser Dasein kann sich noch nicht befreien von dem, was war. Es gab keinen Auszug aus Ägypten, sagen Historiker. Sind wir immer noch Gefangene?
Was aber ist dann mit unserer Sehnsucht nach einem Neuanfang? Erschafft diese Sehnsucht nicht doch seine ganz eigene Wirklichkeit?
Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Warum sollte dies dann bei uns anders sein? Vielleicht werden wir ja wiedergeboren und leben nach unserem Tod einfach in einem anderen Universum weiter?
Photo © Doblonaut
Music: Blue States, “Nothing Changes Under The Sun”
* Ist es Zufall, dass ein Physiker aus Indien, Abhay Ashketar, der z.Zt. an der Pennsylvania State University / USA arbeitet, aufgrund seiner Berechnungen zu einem ganz anderen Schluß kommt? Danach begann unser Universum nicht mit dem Urknall. Vielmehr ist unser Universum aus einem anderen, früheren Universum hervorgegangen. Ein Universum ohne Anfang und Ende.
** Wolfgang Wieser, „Die Erfindung der Individualität – oder Die zwei Gesichter der Evolution“
Erstellt am Sonntag 22. Juni 2008
Unter: Gesellschaft, Think about it | 8 Kommentare »
















