Archiv für die 'Think about it' Kategorie

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne…

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So viel Anfang war nie.

Neue Artikel, neue Möglichkeiten, neue Produkte. Neue Klänge, neue Stimmen, neue Entscheidungen. Wir können, ja wir müssen heute immer wieder neu entscheiden, wie unser Leben weiter verlaufen soll. Jeden Tag neu. Jeder Tag ein neues Versprechen. Der Wandel ist das einzig Beständige.

„Wir werden die Welt verändern. Ein ganz neues Leben anfangen. Heute und morgen wieder.“

Jeder hat irgendwann derartige Gedanken. Wir träumen davon, etwas Neues anzufangen. Unser ganzes Leben neu anzufangen. Glücklicher zu werden. Es gibt eine große Sehnsucht nach einem Neuanfang. Die Ratgeberliteratur ist voll davon: „Mut zum Neubeginn. Wie Sie es schaffen“. Wir erfinden uns täglich neu, oder sollen es zumindest.

„Komm lass uns mal schauen, was es Neues gibt.“

Allein in Deutschland werden jedes Jahr von der Markenartikelindustrie vierzehn Milliarden Euro für Innovationen ausgegeben. Jedes Jahr gibt es etwa 30.000 neue Produkte in Deutschland.

Die bestimmende Idee unserer Zeit ist die einer permanenten Neuerfindung von Allem, einschließlich von uns selbst. Die permanente Revolution ist Wirklichkeit geworden – im Kapitalismus.

Die Revolution frisst nicht nur das Alte, sie nährt und fördert die Illusion, dass es etwas wirklich Neues tatsächlich geben könnte.

Unsere ganze Kultur ist mittlerweile durchdrungen von der „Ideologie des Neuen“:

Der Wirtschaftsbereich – z.B. Marketing, Patentrecht - basiert auf der Vorstellung, dass das Neue keine Beziehung zum Bestehenden hat, sondern unvermittelt, wie aus dem Nichts auftaucht.

Die westliche Wissenschaft schildert die Geschichte unseres Universums als einmaligen Neuanfang, ausgehend von einem Urknall. Eine westlich geprägte Vorstellung? Die den Gedanken an ein ewig existierendes Universum - ohne Anfang und Ende – nur deswegen als absurd abtut, weil sie in ihren alten Vorstellungen gefangen ist? *

Im Privaten, auch in unseren Beziehungen, hegen wir nicht selten die Hoffnung, dass man das Vergangene hinter sich lassen kann, mit der Vergangenheit abschließen kann. Neu anfangen kann.

In der Evolution des Lebens scheint es dagegen keinen absoluten Neubeginn, nichts unverbunden Neues zu geben. „Was bei der Betrachtung … zunächst auffällt, ist, (dass die) begrenzte Zahl von (genetischen) Bauplänen sich … seit der Zeit ihrer Entstehung vor 600 bis 1000 Millionen Jahren nicht grundsätzlich verändert haben. Neues (kann) sich nur auf der Basis des schon Bestehenden durchsetzen. Nur jene genetischen Varianten (werden) zum Spiel der Evolution zugelassen, die in die Strukturen bereits etablierter Baupläne passen. Diese Einschränkung kann auch als eine “Bürde der Tradition” interpretiert werden.“** Die Evolution erfindet nicht ständig alles neu, sondern bestehende Strukturen werden für neue Aufgaben und Zielen eingesetzt. Nichts im Organischen ist völlig neu. Das “Neue” ist nicht frei, sondern abhängig von dem Bestehenden und Vorhergehenden.

Dies gilt auch auf anderen Gebieten. Großes Erstaunen löst z.B. bei vielen immer noch die Tatsache aus, dass die Bibel in weiten Teilen nicht einzigartig und neu ist, sondern viele der Erzählungen, wie auch die Sintflutgeschichte, literarische Vorläufer in frühen mesopotamischen Epen hat.

Was ist so verstörend an der Aufdeckung einer gewissen Kontinuität zu früheren Kulturen? Ist nicht der Gedanke, dass das aktuelle Sein am Ende einer langen Kette von Ereignissen steht, mindestens genauso aufregend wie die Annahme, das es unvermittelt neu sei?

Auch der innere Kontakt zu den Menschen, die unserem individuellen Leben vorangingen, gilt in unserer von der „Ideologie des Neuen“ geprägten Zeit als unwichtig oder “altmodisch”. Während heutzutage viele nichts genaues mehr über das Leben ihrer Großeltern oder gar Ur-Großeltern wissen (oder wissen wollen), können Kinder in vormodernen Gesellschaften eine lange Reihe ihrer Vorfahren aufzählen. Hier lebt der Einzelne in dem ausgeprägten Bewußtsein nur deshalb zu existieren, weil auch seine Ahnen existierten.

Eins entwickelt sich aus dem anderen. Nichts entsteht neu. Alles ist eine ewige Kette von Ereignissen. Es gibt keinen wirklichen Neubeginn. Das Bestehende wird nicht nur vom Neuen aufgehoben und verdrängt, es bleibt auch im Neuen weiter aufgehoben. Immer wird „das Alte“ mitgeschleppt. Unser Dasein kann sich noch nicht befreien von dem, was war. Es gab keinen Auszug aus Ägypten, sagen Historiker. Sind wir immer noch Gefangene?

Was aber ist dann mit unserer Sehnsucht nach einem Neuanfang? Erschafft diese Sehnsucht nicht doch seine ganz eigene Wirklichkeit?

Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Warum sollte dies dann bei uns anders sein? Vielleicht werden wir ja wiedergeboren und leben nach unserem Tod einfach in einem anderen Universum weiter?


Photo © Doblonaut

Music: Blue States, “Nothing Changes Under The Sun”

* Ist es Zufall, dass ein Physiker aus Indien, Abhay Ashketar, der z.Zt. an der Pennsylvania State University / USA arbeitet, aufgrund seiner Berechnungen zu einem ganz anderen Schluß kommt? Danach begann unser Universum nicht mit dem Urknall. Vielmehr ist unser Universum aus einem anderen, früheren Universum hervorgegangen. Ein Universum ohne Anfang und Ende.

** Wolfgang Wieser, „Die Erfindung der Individualität – oder Die zwei Gesichter der Evolution“


Erstellt am Sonntag 22. Juni 2008
Unter: Gesellschaft, Think about it | 8 Kommentare »

Der siebte Tibeter

buddhistische-monche.jpg… ist verschwunden, sagt eine alte Legende. Auf dem höchsten Berg Tibets, dem Chomolungma, sitzen sechs Weise und warten auf den siebenten. Nur gemeinsam können sie die Wahrheit erkennen. Einzeln besitzen sie nur einen Teil der Wahrheit. So muss die Menschheit auf die Wiederkehr des siebenten Weisen warten, bis sie erfahren wird, was wahr ist.

„Steht auf und steigt von eurem Berg hinab…“, möchte man den Mönchen zurufen, „…die Wahrheit ist doch ganz nebensächlich!“

Nachdem Mose die ersten, von Gott persönlich beschriebenen, Gesetzestafeln zerschmettert hatte, musste er die neuen dann selbst schreiben: „Dann sprach der Herr zu Mose: Schreib diese Worte auf.“ (1) Was Mose dann auch prompt und hoffentlich fehlerfrei erledigte: „Er schrieb die Worte des Bundes, die zehn Worte, auf Tafeln.“ (2) Mose schrieb das auf, was er verstand. Wie es heute zu verstehen ist, darüber lässt sich streiten.

Es gibt nicht nur ein Evangelium, sondern gleich vier, die sich auch noch teilweise widersprechen. (3) Welches der Evangelien hat nun die Wahrheit? Vielleicht liegt aber auch Absicht und Sinn hinter all den Widersprüchlichkeiten. Die eine, endgültige Wahrheit, wem sollte sie nützen? Wer leben will, muss die Wahrheit immer wieder an neue Anforderungen anpassen können - muss die Freiheit haben, Wahrheit auslegen zu können.

Wissenschaftliches Denken beruht seit dem Griechen Parmenides auf der Unterscheidung zwischen wahrem und falschem Wissen. Aber können wir die Wahrheit der Außenwelt so sehen, wie sie tatsächlich ist? Jede Wahrnehmung ist subjektiv. Unsere Sinne liefern kein getreues Abbild der Realität. Das, was wir Wahrheit nennen, steht nur stellvertretend für die Wirklichkeit, ist dessen Repräsentant. Es sind nur Bilder. „Du sollst dir kein Bild machen“, heißt es - “und dich stattdessen der Wirklichkeit zuwenden.” Wahrheit ist nicht wirklich wahr.

Vom physikalischen Standpunkt aus ist die hervorstechendste Leistung der Physik des 20. Jahrhunderts … die allgemeine Erkenntnis, daß wir noch nicht in Berührung mit der letzten Wirklichkeit sind. Um in Platons Gleichnis zu sprechen: Wir sind noch in der Höhle eingeschlossen, mit dem Rücken zum Licht, und können nur die Schatten an der Wand beobachten“.
James Jeans (1877-1946), englischer Physiker

Glauben heißt nicht Wissen. Aber was kann ich wissen? Nicht nur die absolute Wahrheit ist Glaubenssache. Soll ich glauben, dass sich die Erde um die Sonne dreht? Ich muss es glauben, denn wissen – durch eigene Anschauung wissen – kann ich es nicht. Auch die Wissenschaft ist für den Einzelnen nur Glaubenssache. Dann glaube ich an meine Wahrheit, sagt der Individualist in mir.

Ist Wahrheit also relativ, eine rein subjektive Veranstaltung? Gibt es damit keine absolut gültigen Wahrheiten mehr? Aber wie soll dann ein Gespräch zwischen Menschen noch möglich sein? Der siebente Mönch ist sehr einsam. Muss darum die „absolute Wahrheit“ nicht im transzendenten, sondern im transpersonalen Raum gesucht werden? Eine Wahrheit auf Zeit? Nur für die Dauer eines ewigen Gesprächs mit dem „Du“?

„Wer ist da eigentlich im Recht? Die Chinesen oder die Tibeter?“, fragst du mich. Ich weiß es nicht. Auf viele Fragen gibt es hier keine eindeutige Antwort, schreibt Muschelschubserin. Vermitteln uns die Medien die ganze Wahrheit in dem Konflikt? „Du musst immer für die Leidenden Partei ergreifen!“, sagt Reuven Moskovitz zu mir. „Und was, wenn beide leiden?“, frage ich mich.

Die Suche nach der Wahrheit hat uns wenig Freude, dafür aber umso mehr Unfriede gebracht. Seit Zweieinhalbtausendjahren sind wir nun schon auf diesem Trip. Achsenzeit nannte das Karl Jaspers. Seit damals wurde der Gegensatz zwischen „wahr“ und „unwahr“ von zentraler Bedeutung – zumindest im Westen. Die Wege von Ost und West verlaufen seitdem getrennt.

Der Kulturrevolutionär, Fundamentalist und Bilderstürmer Echnaton hat als erster diese Unterscheidung zwischen wahr und unwahr gefordert. Mose folgte ihm darin und verurteilte alle, die nicht den wahren Gott sondern das unwahre goldene Kalb angebetet hatten: „ Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten.“ (4)

Ist die Wahrheit unser Unglück? Ich glaube nicht an die Wahrheit, sagt der Skeptiker in mir. Aber wozu noch Skepsis, ist doch die Wahrheits-Zuversicht uns längst entschwunden, hat uns orientierungslos zurückgelassen in einer Welt, in der wir von Leere umgeben sind.

In Asien weiß jeder, dass es mehr als eine Wahrheit gibt.“, habe ich vor kurzem irgendwo gelesen. Ich suche in drei Büchern über chinesische Philosophie nach dem Wort „Wahrheit“ und finde es nirgends. Dafür aber den Begriff „Wahrhaftigkeit“. Der siebente Mönch wird nach seiner Rückkehr schon verraten, was die Wahrheit ist, denke ich. Bis dahin habe ich mit der Wahrhaftigkeit genug zu tun.

Wahrhaftigkeit ist nichts äußerliches, sondern der Zustand der Wahrheit im Inneren lebendiger Wesen. Alle Wesen sind „Beta-Versionen“ und immer noch “in Arbeit”. Wozu soll z.B. ein Blinddarm gut sein? Trotzdem ist das Leben schon jetzt existent und muss nicht auf die endgültigen Baupläne warten. Die Natur wartet nicht auf die endgültige Wahrheit. Sie gibt sich mit einem Teil der Wahrheit zufrieden.

Jedes Wesen weiß, dass es nur vorübergehend ist, dass es eine vorläufige Wahrheit ist, und doch kämpft es vehement um diese, seine Wahrheit. Es kämpft für die Wahrheit seiner Seins-Idee, seines genetischen Bauplans. Ohne diese eigene, vorläufige und “falsche” Wahrheit gäbe es kein Leben. Auch der Mensch ist gefangen und verwickelt in diesen Kampf um die Wahrheit. Aber er ist frei, dies zu erkennen und auf seiner Einheit zu bestehen.

Photo ©: Desired

(1) Ex 32, 24 / (2) Ex 32, 25 / (3) Mk 15, 32 vs. Lk 23, 40 / (4) Ex 32, 7

Erstellt am Samstag 29. März 2008
Unter: Kultur, Think about it | 12 Kommentare »

Verschwunden - und wieder aufgetaucht!

Das kennt wohl jeder. Bei jedem Umzug geht immer irgendetwas verloren. Besonders ärgerlich ist es für mich, wenn eines meiner Bücher weg ist. Ich denke dann jedes Mal: das hat jetzt bestimmt jemand anders. ;-) Nun aber habe ich zur Abwechslung mal ein Buch wieder gefunden. Und das kam so:

award-tagebuch.JPGDie Handwerker waren da und ich wollte einiges aus dem Weg und in den Keller bringen. Beim Umräumen sehe ich zufällig einen alten Pappkarton und schaue nach, was drin ist. Unter allerlei Küchenkram entdecke ich es: mein blaues Tagebuch! Habe ich hier nicht meine damaligen Gedanken zu 9/11. aufgeschrieben? Wie lange ist das schon wieder her? Da haben doch noch die „Könige“ Schröder und Joschka regiert. Ich werde das Buch wieder mit nach oben nehmen. Ich schließe die Kellertür und zerreisse mir dabei an einem hervorstehenden Nagel meine Kleidung. Ich schlage das Buch auf, beginne zu lesen - und bin bewegt, was ich doch seitdem alles vergessen habe.

In diesem Tagebuch hatte ich damals aufgeschrieben, was mich in der Zeit nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center beschäftigt hatte. Die berechtigte Sorge von vielen Menschen in diesen Wochen war, dass es, wie schon einmal im Kalten Krieg, wieder zu einer Teilung der Welt kommen würde. Nur eben diesmal in eine westliche und die islamische Welt. „Ich befürchte, der 11.09. wird missbraucht werden für einen Angriff auf den Islam.“, schrieb ich.

Mich interessierte, was die Attentäter zu ihren Anschlägen gebracht hatte. Und was das für eine Religion ist, in deren Namen sie handeln. Durch Reisen in die Türkei und nach Istanbul (eine wunderschöne Stadt!), die Gespräche mit Imamen in einigen Moscheen und durch den Koran bekam ich langsam einen immer tieferen Einblick in den Islam. Über den in München lebenden Moslem Oguz A. lernte ich auch unterschiedliche religiös-kulturelle Dialoggruppen in verschiedenen Städten kennen.

Ich lese weiter in meinem Tagebuch: „Die Gefahr besteht, dass der Westen in einer sich nun abzeichnenden Auseinandersetzung mit religiösem Fanatismus, Intoleranz und Terrorismus jetzt seine eigene Toleranz schrittweise wieder aufgibt“.

Mich hat seit der Zeit die Frage nach den Ursachen transpersonal motivierter Gewalt immer wieder beschäftigt. Menschen, die frei von ihrer Kollektiv-Geschichte vielleicht die besten Freunde wären, werden im Namen einer „Idee“ und einer scheinbar guten Sache zu Feinden. Sie wissen dies natürlich selbst - und können sich doch von alleine nicht aus diesen Schicksals-Verstrickungen lösen. Bleiben immer weiter Ausführende eines Mems - ihres kollektiven Gedächtnisses.

Ich lese weiter: „ Es ist eine Geschichte darüber, wie wir auf der Suche nach unserer persönlichen Identität zu Überlieferungen und Bildern greifen müssen, die uns gegenseitig zu Feinden machen.“ „…greifen müssen“ – vielleicht ist das einer der Schlüssel? Ich bin froh, dass ich dieses Buch wieder gefunden habe …

Die Intoleranz und Unduldsamkeit gegenüber anderen Menschen und deren Ansichten ist eines der traurigsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Sie entspringen aber wohl nicht nur der menschlichen Neigung zu Rechthaberei und Streit, sondern auch der Eigenart der Menschen, Idealen und Ideen blind zu folgen.

Beinahe täglich ist in den Zeitungen oder in den Fernsehnachrichten von Gewalt und Terror die Rede. Auf die mörderischen Selbstmordattentate, wie jetzt wieder am 6. März auf die Talmud-Schule „Mercas Harav“ in Jerusalem, folgt dann meist eine gnadenlose Vergeltung. Die Politiker und religiösen Führer sind scheinbar zu einem Dialog unfähig. Stattdessen bestimmen Hass und Fanatismus, Wut und Rache das Geschehen. Aber nicht nur im Nahen Osten, sondern genauso in Afrika (Kenia, …), Asien (Sri Lanka, …), Europa (Kosovo, …) …

Die Spurensuche nach einigen der Gründe und vielleicht auch den tieferen Ursachen für diesen weltweiten Hass wird die nun kommenden Schritte und Artikel der zweiten Phase in diesem Blog bestimmen. Damit es nicht zu monothematisch wird, schreibe ich - für die, die mir auf diesem Weg folgen wollen - auch weiter zu Themen wie Globalisierung, Religion oder Kultur. Also z.B. über folgende Fragen: „Haben die Religionen eine Mitschuld an der Gewalt auf der Welt?“, „Was ist eigentlich aus dem „Weltethos-Projekt“ von Hans Küng geworden?“. “Sind all dieser Hass und die Intoleranz Stationen auf dem Weg zum wahren Menschentum oder einfach nur Irrwege?”, wie sich dies sinngemäß auch der Schriftsteller Albrecht Goes fragt. „Welche Brüche und Verwerfungen gibt es innerhalb der menschlichen Gemeinschaft durch die Globalisierung?“, „Was bedroht die eigene kulturelle Identität?“, „Ist z.B. so eine Idee wie die „Gewaltfreie Kommunikation“ von Marshall Rosenberg ein Weg zu mehr Toleranz?“ …

P.S.: Was rät mir hierzu heute das chinesische “Buch der Wandlungen“? „Wir müssen uns das ansehen, was wir ernähren wollen und dann darüber nachdenken, welche Nahrung sich am besten eignet.“

Erstellt am Samstag 15. März 2008
Unter: Gesellschaft, Global, Think about it | 4 Kommentare »

Schicksal und Glaube

i-am-leaving.jpgIch weiß, wir sind nicht frei, denn ich bin es nicht.

Plötzlich beugte ich mich ganz nah an sein Gesicht, dass er ein wenig zuckte, und schrie laut und immer lauter: Sie sind der größte Verbrecher! Sie heilen nur, damit man uns wieder als Kanonenfutter brauchen kann“. … “Sie kommen in eine Heilanstalt“, sagte der Arzt tonlos und die Wärter nahmen mich in ihre Mitte“.

Wir sind Gefangene“, nennt Oscar Maria Graf die bewegende Erzählung, in der er die Moral-, Denk-, und Verhaltensgefängnisse seiner Zeit beschreibt. Seine Suche nach Befreiung und Selbstverwirklichung, die oft nur auf Kosten anderer zu haben ist. Wir wehren uns gegen das schicksalhafte Leben - und verstricken uns zugleich immer weiter.
Freiheit – nur um ein vorbestimmtes Schicksal zu verwirklichen? Alles ist, wie es ist?

Peter Härtling: „Ich sollte meinem Vater die Tabletten bringen. Er hatte die Ruhr. Ich lief hin zu dem Ort, an dem er und die anderen Kriegsgefangenen festgehalten wurden. Sie wurden gerade in Marsch gesetzt. Da entdecke ich meinen Vater. Er winkt und lächelt mir zu. Ich winke zurück und laufe schneller. Ein Wachsoldat tritt mir in den Weg, schlägt mich mit dem Gewehrkolben und drängt mich ab. Ich hatte nicht mehr den Mut, meinem Vater die Tabletten zu bringen. Ich versteckte sie unter einem Heuhaufen, denn mit den Tabletten in der Hand traute ich mich nicht zurück zu meiner Mutter. Nach einem Jahr erfuhren wir, dass Vater im Lager gestorben war. Irgendwann konnte meine Mutter all das Erlebte nicht mehr ertragen - die erlittene Vergewaltigung, die Vertreibung, den Tod meines Vaters - und beging Selbstmord.

Die, die vor uns da waren, zwingen uns zu Eindrücken, die unser Leben - uns selbst - formen. Sollen wir diese Bilder vergessen, weil sie nicht eigentlich zu uns gehören oder bin I c h gerade das, was Ich nicht sein will, was aber schicksalhaft mit mir verbunden ist?
Ich ist ein anderer“, meint Arthur Rimbaud.

Die Entscheidung liegt bei dir!“, sagt Reinhard K. Sprenger. Dann wäre ich also für mein Schicksal selbst verantwortlich. Stünde immer wieder vor neu der Wahl, und hätte die Freiheit dazu, mein Schicksal jederzeit zu ändern. Wenn ich keinen anderen Menschen für mein eigenes Schicksal verantwortlich machen kann - warum sollte ich dann dem Rat eines anderen Menschen Glauben schenken? Einen jedoch kann ich für mein Schicksal verantwortlich machen: Gott. Dann sollte ich doch Ihm dafür glauben?

In die Hölle schafft es der Mensch alleine, in den Himmel kommt er nur zusammen mit seinem größten Feind. Gibt sie also doch, die Hölle? Einige haben durch die geöffneten Höllentore gesehen und seitdem plagt sie die Angst. Sie können es nicht mehr vergessen: Wie man in die Hölle kommt und wer hinein kommt. Es ist anders, als es die Religionen erzählen. Auch deshalb glauben viele nicht mehr an die Religionen.

Wir wissen, gegen wen Menschen ihren Glauben missbrauchen - gegen Menschen. Religionen unterscheiden sich in dem Maß ihrer Toleranz (und dies könnte den Stoff für einen weiteren Essay abgeben). Gemeinsam ist jedoch allen, dass sie ihren Glauben für wahr, für die einzige Wahrheit, den der anderen für unwahr, halten.

Das „So-Sein“ des Menschen verhindert ein endgültiges und vollständiges Erfassen „der Wahrheit“. Einige Farben und Töne können wir wahrnehmen, andere nicht. „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“, fragt Paul Watzlawik. Trotz aller Fortschritte: der Mensch bleibt, ja muss „blind“ bleiben, gegenüber der „wahren“ Wirklichkeit – seiner Erkenntnis sind naturgegebene Grenzen gesetzt. “Je mehr ich weiß, desto mehr erkenne ich, dass ich nicht weiß” wusste Albert Einstein, sich auf Sokrates beziehend.

In jedem geschlossenen System wird aus „heiß und kalt“ früher oder später lauwarm, hält uns der zweite Hauptsatz der Thermodynamik vor Augen. Ordnung und Information zerfallen in einen Zustand gleichmäßiger Unordnung. Ein Ruhezustand der Gleichverteilung. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ und nie nach oben, beobachtet Isaac Newton. Die Naturgesetze und das Gesetz des Schicksals formen jenen geschlossenen Raum. Gibt es also nur diese eine, in sich abgeschlossene, Welt?

„Es gibt auch eine nicht-deterministische Zweite Welt“, die Quantentheorie bringt den “Zufall” ins Spiel. Der Zufall - Ereignisse, die nicht kausal erklärbar sind, hinter denen keine erkennbare Regel steckt? Deren Gesetzmäßigkeit wir nicht erklären können?

Nein, „Das beobachtete System ist in sich zufällig!“, es gibt den Zufall tatsächlich, sagen Niels Bohr und Werner Heisenberg. Der Zufall, „kontinuierlich neues erschaffend“, glaubt nicht an ein gesetzmäßiges Schicksal, sondern an die Freiheit. Meine Freiheit.

Photo © Teodoratan

Erstellt am Dienstag 26. Februar 2008
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“Du wirst ja langsam zum Webaholic”

“Das Thema Internetsucht ist bislang noch recht unbekannt. Auf viele Menschen übt das Internet eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Das Wort Internet- oder Onlinesucht beschreibt den zwanghaften Drang zum surfen, chatten, spielen, downloaden oder sonstigen unkontrollierten Aktivitäten im Internet. Mediensucht ist der Oberbegriff der auch die Internetsucht, als eine Sucht nach einem Medium, einschließt. Die Mediensucht zählt somit zu den stoffungebundenen bzw. substanzunabhängigen Süchten.”

Na, wenn dem so ist, sollte ich mich mal wieder stärker meinen anderen Süchten widmen, oder? ;-)

Erstellt am Samstag 23. Februar 2008
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Diese Drohung zieht bei mir nicht mehr

et-in-town.jpg Das Ende ist absehbar. Bald ist mein 1-monatiges Fahrverbot rum - und ich muss sagen, so richtig abschrecken kann mich so was jetzt nicht mehr. Nach dem man sich als Kreativarbeiter daran gewöhnt hat, pünktlichst statt flexibel zu sein; es dich irgendwann nicht mehr aufregt, wenn du am Bahngleis plötzlich feststellt, dass abends nur jede Stunde ein Zug von der Arbeit nach Hause fährt; du nach Wochen erfährst, dass eine andere Fahrkartenversion viel billiger gewesen wäre - wenn du das alles hinter dir hast, ist es ohne Auto eigentlich recht entspannend. Die Drohung “Fahrverbot” hat ihre Wirkung bei mir verloren.

Tja - und während einer Zugfahrt hat man auch mal Zeit für so Fragen wie: “Ist es eigentlich immer so, dass unsere Befürchtung, oft auch Ängste, vor dem, was uns erwarten könnte, viel größer sind als das, was dann tatsächlich auf uns zukommt?” Ich denke da z.B. nur an meine Prüfungen oder Referate in der Schule oder im Studium. Was hatte ich da nicht oft für Ängste - und dann war alles halb so schlimm. Aber nicht nur in den Schulen kennt man die Angst vor dem, was einem bedrohlich werden könnte. Auch andere gesellschaftliche Großinstitutionen, wie die Kirchen - haben die nicht auch früher einmal mit der Angst und der Androhung ewiger Strafen gearbeitet?

Wie ist das eigentlich in der Kindererziehung? Ist die “Angst” vor z.B. einem Fernsehverbot, die Drohung damit, nicht viel überzeugender, als es dann auch tatsächlich zu verhängen? Haben die Kids, wenn es denn wirklich ausgesprochen wird, nicht schon längst eine viel interessantere Beschäftigung entdeckt? Oder wäre es inkonsequent, eine Drohung nicht auch wahr zu machen? Und wie verhält sich das dann in der Politik? Wäre es z.B. vor dem Irak-Krieg nicht besser gewesen, die Drohkulisse einfach weiter aufrecht zu erhalten, als die Drohung auch umzusetzen? Oder funktioniert das nur bei Menschen wie mir, die grundsätzlich bereit sind, sich an Regeln zu halten? Ich weiß es nicht. Was meint ihr dazu?

Vielleicht sind ja auch die Aliens, wenn sie denn einmal wirklich durch unsere Strassen spazieren, viel harmloser, als es uns jetzt unsere Fantasie oder Science-Fiction Thriller vorgauckeln?

Erstellt am Freitag 15. Februar 2008
Unter: Think about it | 1 Kommentar »

Brauchen wir den Zufall?

zufall.jpgDer letzte Beitrag endete mit dem Absatz: Was ist das eigentlich - Zufall? Das Lexikon nennt solche Ereignisse “Zufall”, die nicht kausal erklärbar sind. Ein Ereignis, hinter dem scheinbar keine erkennbare Regel steckt. Ist Zufall dann also nur das, dessen Gesetzmäßigkeit wir (noch) nicht erklären können? Gibt es das, wissenschaftlich betrachtet, überhaupt - den Zufall? Oder - steckt da vielleicht “mehr” dahinter? “Spricht” gar der Zufall zu uns? Was will er uns dann damit “sagen”?

Im allgemeinen lieben wir es nicht, dass unser Leben von Zufällen abhängt. Wir lernen für die Prüfung, weil wir uns nicht darauf verlassen wollen, zufällig eine gute Note zu schreiben. Im Beruf setzen wir uns Ziele, machen Pläne, damit der Erfolg kein Zufall bleibt. Wir versuchen die Gesetzmäßigkeiten des Kundenverhaltens zu analysieren, um den Zufall möglichst auszuschließen. Wer will schon sein Leben auf Zufällen aufbauen? Statt dessen wollen wir sicher sein vor unliebsamen Überraschungen.

Zufälle kommen uns in die Quere, stören den geplanten Ablauf, bringen alles durcheinander. Zufall ist das, dessen Ursache nicht erkennbar ist. “Unverhofft kommt oft“, sagt der Volksmund. Der Zufall kommt dann einfach, von Außen, in unseren geregelten Ablauf hinein.

Stopp! “… kommt von Außen hinein”? Von wo Außen? Ist nicht alles ein geschlossenes System von Ursache und Wirkung? Gibt das einen Sinn?

Kann Zufall sinnvoll sein? Wir schreiben das Jahr 1928. Der Forscher Alexander Fleming ließ während seines Urlaubs in seinem Labor ausversehen eine Bakterienkultur verschimmeln. Nach seiner Rückkehr entdeckte er, dass dort, wo der Schimmel sich ausgebreitet hatte, die Bakterien zerstört waren. Fleming hatte per Zufall das Penizillin entdeckt.

Hat der Zufall doch eine tiefere Bedeutung, einen Sinn? Eines Tages verunglückte der Philosoph Albert Camus im Sportwagen, den sein Freund gefahren hatte. In der Jackentasche Camus fand man eine Bahnkarte für die Heimfahrt. Sie war unbenutzt. Sein Freund hatte darauf gedrängt, ihn nach Hause fahren zu dürfen. War das Zufall oder Schicksal?

Glaubst du an Zufall in deinem Leben, oder war da nachträglich doch ein tieferer Sinn hinter all den Ereignissen?

Wird fortgesetzt.

Quelle der Story: BR2 Radio; Photo ©: potala

Erstellt am Montag 11. Februar 2008
Unter: Science, Think about it | 1 Kommentar »

Alles Zufall?

Wir schreiben das Jahr 1942. Über dem Nordatlantik kämpft ein Flugzeug gegen Wind und Wetter. Doch es kommt einfach nicht voran. Also entscheidet der Kapitän den Flug nach New York abzubrechen und nach Irland zurückkehren. Das Flughafenrestaurant ist schon über die Ankunft der völlig durchfrorenen und erschöpften Passagiere informiert.

Küchenchef Joe Sheridan hat zu so später Stunde nicht viel zur Hand und kippt deshalb wenigstens einen Schuss Whiskey in den heißen Kaffee. Auf neugieriges Nachfragen der begeisterten Fluggäste meint er: “That`s Irish Coffee”. Noch ist ihm in dieser Minute gar nicht bewußt, dass er soeben, ganz nebenbei, den weltberühmten “Irish Coffee” erfunden hat. Noch viele Jahre danach servierte Sheridan “seinen” Kaffee dann im “Buena Vista Cafe” in San Franzisko.

Ich finde dies ist eine schöne Geschichte über Zufälle im Leben. Die, so ähnlich, bestimmt schon jeder einmal selbst erlebt hat. Oft gibt ausgerechnet ein kleiner “unbedeutender” Zufall unserem Leben eine ganz neue Wende. Wenn wir es denn zulassen. Aber dazu später mehr.

Was ist das eigentlich - Zufall? Das Lexikon nennt solche Ereignisse “Zufall”, die nicht kausal erklärbar sind. Ein Ereignis, hinter dem scheinbar keine erkennbare Regel steckt. Ist Zufall dann also nur das, dessen Gesetzmäßigkeit wir (noch) nicht erklären können? Gibt es das, wissenschaftlich betrachtet, überhaupt - den Zufall? Oder - steckt da vielleicht “mehr” dahinter? “Spricht” gar der Zufall zu uns? Was will er uns dann damit “sagen”?

Quelle der Story: Der Feinschmecker

Erstellt am Freitag 8. Februar 2008
Unter: Think about it | 5 Kommentare »

Macht die Schule die Kinder kaputt?

welche-schule.jpgÜberforderte und gestresste Schüler, unfähige Lehrer und Stoff der nur noch durchgepaukt wird. Mobbing, Gewalt und hilflose Lehrer. Eine verkorkste Schulreform, zu vielunnötiger Bildungsballast und eine weltfremde Schulbürokratie. Es gibt viel, was Schüler, Eltern und auch Lehrer aufregt und an unseren Schulen kritisieren. Macht die Schule in Deutschland die Schüler wirklich krank?

Ist es also vielleicht besser für die Kinder, wenn man sie z.B. zu Hause unterrichtet? Während in Deutschland die Schulpflicht selten bewußt umgangen wird - und wenn dann meist nur von Einzelnen, eher religiös motivierten Menschen - ist das sog. “Home-Schooling” in den USA stärker verbreitet.

Homeschooling oder auch Hausuntericht genannt, sollte das als ein ganz normaler alternativer Bildungsweg der Zukunft gesehen werden? Oder fehlt den Kindern dann der Kontakt zu gleichaltrigen, leidet dadurch die Entwicklung der sozialen Kompetenz? Kann “Home-Schooling” ein besserer, weil stressfreierer Unterricht sein? Der individueller die Fähigkeiten jedes einzelnen Kindes fördert?

Erstellt am Mittwoch 6. Februar 2008
Unter: Gesellschaft, Think about it | 3 Kommentare »

Gandhi - “Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst”

mahatma-gandhi.jpgVor 60 Jahren am 30. Januar 1948 wurde Mohandas Karamchand Gandhi, genannt Mahatma, die „Große Seele“, von einem fanatischen Hindu ermordet, weil er sich für die Rechte der Moslems im damals noch nicht geteilten Indien eingesetzt hatte.
Mit die beste Biografie ist für mich immer noch der Film “Gandhi” mit einem hervorragenden Ben Kingsley als Hauptdarsteller.
Gandhi wurde am 2. Oktober 1869 in Porbandar in Gujarat, Indien geboren. Er war Rechtsanwalt, Pazifist und geistiger Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung.
Gandhi hatte in London Jura studiert und nach seinem Studium in Bombay als Rechtsanwalt gearbeitet. 1893 ging er zu einem indischen Freund nach Südafrika. Wegen der dort herrschenden rassistischen Diskriminierungen durch die Kolonialmacht England, engagierte er sich immer entschiedener für die Rechte der Inder in Südafrika. In den darauf folgenden politischen Auseinandersetzungen mit den südafrikanischen Kolonialbehörden entwickelte Gandhi sein Konzept eines gewaltlosen Widerstandes, von ihm “Satyagraha” genannt. “Satyagraha” bedeutet “Festhalten an der Wahrheit” und war für ihn eng verbunden mit der Gewaltlosigkeit.

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Erstellt am Montag 4. Februar 2008
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