Der siebte Tibeter

buddhistische-monche.jpg… ist verschwunden, sagt eine alte Legende. Auf dem höchsten Berg Tibets, dem Chomolungma, sitzen sechs Weise und warten auf den siebenten. Nur gemeinsam können sie die Wahrheit erkennen. Einzeln besitzen sie nur einen Teil der Wahrheit. So muss die Menschheit auf die Wiederkehr des siebenten Weisen warten, bis sie erfahren wird, was wahr ist.

„Steht auf und steigt von eurem Berg hinab…“, möchte man den Mönchen zurufen, „…die Wahrheit ist doch ganz nebensächlich!“

Nachdem Mose die ersten, von Gott persönlich beschriebenen, Gesetzestafeln zerschmettert hatte, musste er die neuen dann selbst schreiben: „Dann sprach der Herr zu Mose: Schreib diese Worte auf.“ (1) Was Mose dann auch prompt und hoffentlich fehlerfrei erledigte: „Er schrieb die Worte des Bundes, die zehn Worte, auf Tafeln.“ (2) Mose schrieb das auf, was er verstand. Wie es heute zu verstehen ist, darüber lässt sich streiten.

Es gibt nicht nur ein Evangelium, sondern gleich vier, die sich auch noch teilweise widersprechen. (3) Welches der Evangelien hat nun die Wahrheit? Vielleicht liegt aber auch Absicht und Sinn hinter all den Widersprüchlichkeiten. Die eine, endgültige Wahrheit, wem sollte sie nützen? Wer leben will, muss die Wahrheit immer wieder an neue Anforderungen anpassen können - muss die Freiheit haben, Wahrheit auslegen zu können.

Wissenschaftliches Denken beruht seit dem Griechen Parmenides auf der Unterscheidung zwischen wahrem und falschem Wissen. Aber können wir die Wahrheit der Außenwelt so sehen, wie sie tatsächlich ist? Jede Wahrnehmung ist subjektiv. Unsere Sinne liefern kein getreues Abbild der Realität. Das, was wir Wahrheit nennen, steht nur stellvertretend für die Wirklichkeit, ist dessen Repräsentant. Es sind nur Bilder. „Du sollst dir kein Bild machen“, heißt es - “und dich stattdessen der Wirklichkeit zuwenden.” Wahrheit ist nicht wirklich wahr.

Glauben heißt nicht Wissen. Aber was kann ich wissen? Nicht nur die absolute Wahrheit ist Glaubenssache. Soll ich glauben, dass sich die Erde um die Sonne dreht? Ich muss es glauben, denn wissen – durch eigene Anschauung wissen – kann ich es nicht. Auch die Wissenschaft ist für den Einzelnen nur Glaubenssache. Dann glaube ich an meine Wahrheit, sagt der Individualist in mir.

Ist Wahrheit also relativ, eine rein subjektive Veranstaltung? Gibt es damit keine absolut gültigen Wahrheiten mehr? Aber wie soll dann ein Gespräch zwischen Menschen noch möglich sein? Der siebente Mönch ist sehr einsam. Muss darum die „absolute Wahrheit“ nicht im transzendenten, sondern im transpersonalen Raum gesucht werden? Eine Wahrheit auf Zeit? Nur für die Dauer eines ewigen Gesprächs mit dem „Du“?

„Wer ist da eigentlich im Recht? Die Chinesen oder die Tibeter?“, fragst du mich. Ich weiß es nicht. Auf viele Fragen gibt es hier keine eindeutige Antwort, schreibt Muschelschubserin. Vermitteln uns die Medien die ganze Wahrheit in dem Konflikt? „Du musst immer für die Leidenden Partei ergreifen!“, sagt Reuven Moskovitz zu mir. „Und was, wenn beide leiden?“, frage ich mich.

Die Suche nach der Wahrheit hat uns wenig Freude, dafür aber umso mehr Unfriede gebracht. Seit Zweieinhalbtausendjahren sind wir nun schon auf diesem Trip. Achsenzeit nannte das Karl Jaspers. Seit damals wurde der Gegensatz zwischen „wahr“ und „unwahr“ von zentraler Bedeutung – zumindest im Westen. Die Wege von Ost und West verlaufen seitdem getrennt.

Der Kulturrevolutionär, Fundamentalist und Bilderstürmer Echnaton hat als erster diese Unterscheidung zwischen wahr und unwahr gefordert. Mose folgte ihm darin und verurteilte alle, die nicht den wahren Gott sondern das unwahre goldene Kalb angebetet hatten: „ Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten.“ (4)

Ist die Wahrheit unser Unglück? Ich glaube nicht an die Wahrheit, sagt der Skeptiker in mir. Aber wozu noch Skepsis, ist doch die Wahrheits-Zuversicht uns längst entschwunden, hat uns orientierungslos zurückgelassen in einer Welt, in der wir von Leere umgeben sind.

In Asien weiß jeder, dass es mehr als eine Wahrheit gibt.“, habe ich vor kurzem irgendwo gelesen. Ich suche in drei Büchern über chinesische Philosophie nach dem Wort „Wahrheit“ und finde es nirgends. Dafür aber den Begriff „Wahrhaftigkeit“. Der siebente Mönch wird nach seiner Rückkehr schon verraten, was die Wahrheit ist, denke ich. Bis dahin habe ich mit der Wahrhaftigkeit genug zu tun.

Wahrhaftigkeit ist nichts äußerliches, sondern der Zustand der Wahrheit im Inneren lebendiger Wesen. Alle Wesen sind „Beta-Versionen“ und immer noch “in Arbeit”. Wozu soll z.B. ein Blinddarm gut sein? Trotzdem ist das Leben schon jetzt existent und muss nicht auf die endgültigen Baupläne warten. Die Natur wartet nicht auf die endgültige Wahrheit. Sie gibt sich mit einem Teil der Wahrheit zufrieden.

Jedes Wesen weiß, dass es nur vorübergehend ist, dass es eine vorläufige Wahrheit ist, und doch kämpft es vehement um diese, seine Wahrheit. Es kämpft für die Wahrheit seiner Seins-Idee, seines genetischen Bauplans. Ohne diese eigene, vorläufige und “falsche” Wahrheit gäbe es kein Leben. Auch der Mensch ist gefangen und verwickelt in diesen Kampf um die Wahrheit. Aber er ist frei, dies zu erkennen und auf seiner Einheit zu bestehen.

Photo ©: Desired

(1) Ex 32, 24 / (2) Ex 32, 25 / (3) Mk 15, 32 vs. Lk 23, 40 / (4) Ex 32, 7

Erstellt am Samstag 29. März 2008
Unter: Kultur, Think about it | 12 Kommentare »